Architektur ist nicht nur eine formale und ästhetische Praxis, sondern auch eine soziale. Während die moderne Stadtplanung diese Dimension von Raum lange vernachlässigt hat, wächst seit Jahren der Ruf nach einer stärkeren sozialen Verantwortung von Architekten. Die gebaute Umwelt stiftet Identität, schafft neue Arbeitsplätze und Orte der Begegnung. Ob als Gemeindezentrum, als Schule oder schlichter Stadtplatz, stets entstehen Orte – potentieller – Gemeinschaft. In Zeiten von Corona und Abstandsregelungen wird unser Gemeinschaftsgefühl auf die Probe gestellt. Aber echte menschliche Begegnungen und ein soziales Miteinander bleiben grundlegend für ein gesellschaftliches Zusammenleben.

Das trifft für urbane Zentren, aber auch auf oftmals vernachlässigte ländliche Räume zu: Jüngere Architekturprojekte zeigen, dass sich immer öfter auch Anwohner und künftige Nutzer selbst innerhalb der Bauprojekte engagieren und vielfältige Beiträge im Bauprozess leisten. Die gesellschaftliche Diskussion um den Klimawandel setzt Stadtplaner, Ingenieure und Architekten vor zusätzliche Herausforderungen. Begegnungen auf Augenhöhe und ein ortstypischer, von besonderem Engagement geprägter Zugang zur Bausubstanz zeichnen jene architektonischen Projekte aus, die in gemeinschaftlicher Initiative in ganz unterschiedlichen Regionen gewachsen sind.

Initiative Rising Star: Ein Schulgebäude für Hopley, Simbabwe

Initiative Rising Star - Schulgebäude für Hopley, Simbabwe, Außenansicht
Außenansicht auf daas Schulgebäude von Hopley in Simbabwe, errichtet in klarer Ziegelsteinbauweise. Foto: © Kristina Egbers

In vielen von Armut geprägten Regionen der Erde fehlt es an gut ausgestatteten Bildungsstätten. Dabei sind Orte für gemeinsames Lernen von elementarer Bedeutung für die Zukunft jedes Einzelnen, denn die Bildung ist meist die einzige Chance, um aus prekären Verhältnissen zu entfliehen. Mit der Initiative Rising Star ist eine Grundschule in der Siedlung Hopley in Simbabwes Hauptstadt Harare entstanden. Bis zur Gründung der Initiative durch zwei Bewohner im Jahr 2010 konnten die rund 500 Kinder nur unter einfachsten Bedingungen unterrichtet werden, der Neubau bietet den Schülern nun ganzjährig eine unterstützende Lernatmosphäre.

Die Errichtung des Schulkomplexes erfolgte mit der Unterstützung durch Ingenieure ohne Grenzen e. V. sowie der aktiven Mitarbeit der Anwohner. Diese umfassten erfahrene Maurer genauso wie ungelernte junge Arbeitskräfte, denen die Möglichkeit gegeben wurde, das Handwerk in den verschiedenen Bauabschnitten zu erlernen. Die 20 Monate Bauzeit waren geprägt von einem intensiven Wissenstransfer auf beiden Seiten. Das Know-how der Arbeiter floss unmittelbar in den Bauprozess ein. Gemeinsames Bauen, dabei voneinander lernen und den Arbeitern eine Perspektive für die Zukunft zu geben, zeichnete also den gesamten Entstehungsprozess des Schulkomplexes aus. 

Initiative Rising Star - Schulgebäude für Hopley, Simbabwe, Bogengang
Die Bögen prägen den Charakter des Schulhauses von Hopley. Foto: © Kristina Egbers

Zum Einsatz kam die vor Ort gebräuchliche Backsteinbauweise. Zentrales architektonisches Gestaltungselement ist die Bogenkonstruktion. Sie erinnert an traditionelle Formen der südlich von Harare gelegenen historischen Stadt Groß-Simbabwe, bis zum 15. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum auf dem afrikanischen Kontinent, heute als Ruinen erhalten und wichtiger Bezugspunkt für die lokale Identität. Die Variation der offenen Raumtypologien, das Spiel mit Licht und Schatten sowie die schlichten, nur durch einfache Ziegelvorsprünge ornamentierten Fassaden machen die Schule zugleich auf den ersten Blick als modernen Bau erkennbar. Die Wahl des Materials steht für ein nachhaltiges Architekturverständnis: Die Lehmziegel bieten eine lange Lebensdauer und schaffen ein angenehmes Raumklima, denn sie kühlen die Räume bei Hitze ab und speichern Wärme für kältere Tage.

Das Projekt vereint soziales Engagement und Verantwortung für kommende Generationen. Den Initiatoren war es wichtig, in einer strukturschwachen Gegend Arbeitsplätze zu schaffen und das Wissen der lokalen Bevölkerung über die regionale, traditionelle Bauweise einfließen zu lassen, und dabei zugleich ein dezidiert zeitgenössisches Bauwerk zu schaffen. 2020 erhielt Rising Star die Auszeichnung Best of Best bei den Iconic Awards: Innovative Architecture.

Waldorfschule in Weilheim von Kéré Architecture

Seit langem verdient gemacht für im besten Wortsinn nachhaltige Schulen und Gemeinschaftsorte hat sich Francis Kéré, insbesondere in seinem Heimatdorf Gando in Burkina Faso. Derzeit plant der in Berlin ansässige Architekt seine erste Schule in Deutschland. An Anfragen hatte es nicht gemangelt, aber erst das von einer engagierten Elternschaft in Weilheim verfolgte Waldorfkonzept mit einer partizipativen Planung der Schule hatte sein Interesse geweckt: „Das Konzept gibt mir die Möglichkeit, über Gemeinschaft nachzudenken. Es soll nicht nur eine Schule, sondern eine Begegnungsstätte mit Lernmöglichkeit werden“, so Francis Kéré. Die Schule mit Grund- und Sekundarstufe bietet den gesamten Bildungsweg, der Campus ist als integrative Umgebung für Kinder aller Altersgruppen konzipiert. Neben den Lehrräumen entstehen Labore, Kunstateliers und Handwerkswerkstätten, eine Sporthalle, ein Aufführungsraum, eine Kantine und vielfältige informelle Lern- und Begegnungsorte.

Waldorfschule in Weilheim
Innenansicht der Waldorfschule in Weilheim von Kéré Architecture. Foto: © Kéré Architecture

Baugrund ist ein ehemaliges Erdbeerfeld. Kéré lässt auf den geschwungenen Dächern der Gebäude wiederum Gemüsebeete anlegen, um den Fußabdruck zu minimieren und den Nutzern die Möglichkeit für einen ökologisch und pädagogisch bewussten Umgang mit Nahrungsmittelproduktion und -konsum zu bieten. Der Wunsch der Kinder floss in mehreren Bereichen direkt in den Entwurf ein, so beispielsweise bei der Idee einer zentralen Feuerstelle als Treff- und Versammlungsort. Bis 2022 sollen die ersten Hauptgebäude bezugsfertig sein, die Anbauten werden in den darauffolgenden Jahren sukzessive hinzukommen.

FahrradRepairCafé Bremen

FahrradRepairCafé Werkstatt und Café in Bremen
Innenansicht des FahrradRepairCafés in Bremen. © Dui Thong Bui

Ein nicht minder ambitioniertes Projekt ist in Deutschlands erstem „Fahrradmodellquartier“ auf dem Campus der Hochschule Bremen entstanden. Zentraler Anlaufpunkt des Quartiers ist das FahrradRepairCafé, das mit den ICONIC AWARDS 2020: Innovative Architecture ausgezeichnet wurde. Mit Service-Werkstatt, Workshop-Angebot und Veranstaltungen wendet es sich an Studierende und Bewohner gleichermaßen. Durch die offene, gläserne Bauweise wird das Repaircafé für den ganzen Stadtteil erlebbar. Der Reparaturservice und ein Verleih von Lastenrädern und E-Bikes mit Anhängern kann von allen Bewohnern in Anspruch genommen werden, genauso wie die Reparaturkurse und Veranstaltungen, die in ehrenamtlicher Arbeit offeriert werden. Studierenden der Architektur, Bauingenieurwesen oder Energie- und Umwelttechnik dient das Gebäude künftig als Reallabor. Moderne, klimafreundliche Architektur, Holzskelettbauweise und CO2-arme Haustechnik sind direkt vor Ort erlebbar. Ein gastronomisches Angebot komplettiert das Konzept.

FahrradRepairCafé Werkstatt und Café in Bremen, Außenansicht
Ein Blick von Außen auf das FahrradRepairCafé in Bremen. © Dui Thong Bui

Gestaltung und Konstruktion erfolgten nach den Prinzipien nachhaltigen Bauens, insbesondere in Hinblick auf Struktur und Auswahl recyclingfähiger Baumaterialien. Der markante Bau ist als Holzfaltwerk konstruiert und besitzt transparente Fassadenelemente. Ein begrüntes Retentionsdach sorgt für einen Kühlungseffekt durch die Verdunstung von Regenwasser. Die Kombination aus integriertem Batteriespeicher und Pellet-Ofen ermöglicht eine regenerative Stromnutzung und reduziert CO2-Emissionen auf ein Minimum. Auch bei der Innenausstattung wurde der Nachhaltigkeitsaspekt bei der Auswahl des Mobiliars aus Recyclingmaterial berücksichtigt.

Das Fahrradmodellquartier ist eine Maßnahme, um die Lebensqualität in der Alten Neustadt durch vergrößerte Fußgänger- und Fahrradzonen zu verbessern und den Verkehr für alle Teilnehmer sicherer zu gestalten. An Planung und Bau beteiligten sich eine ganze Reihe von Forschungszentren der Hochschule Bremen. Finanziert wurde das FahrradRepairCafé durch Mittel der Nationalen Klimaschutzinitiative des Bundes.


Öffentliche Einrichtungen, Bildungsstätten und Stadträume, ob in unserer Nachbarschaft oder auf anderen Kontinenten, können – begreift man sie als soziale und nicht lediglich als funktionale architektonische Aufgabe – Gemeinschaft und lokale Infrastruktur entscheidend stärken. Die angesprochenen Projekte zeigen, das dies auch mit überschaubaren Mitteln überzeugend machbar ist. Soziale Architektur entsteht durch visionäre Architekten und Planer, aber insbesondere durch die Beteiligung der Bewohner vor Ort, die mit – für Experten oftmals überraschenden – Ideen für alle zugängliche Räume schaffen und diese mit Leben füllen.


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