Tomás Maldonado im Unterricht, 1958
Tomás Maldonado im Unterricht, 1958, Foto: Wolfgang Siol. © HfG-Archiv Ulm – Museum, Ulm

Er entwickelte das „Ulmer Modell“ und gab wichtige Design-Impulse für eine Epoche, deren Komplexität den Entwurfswillen Tag für Tag auf eine harte Probe stellt. Am 25. April wäre Tomás Maldonado 100 Jahre alt geworden.

Von Thomas Wagner

Heute wäre Tomás Maldonado 100 Jahre alt geworden. Von 1954 bis 1967 wirkte er als Dozent und von 1964 bis 1966 als Rektor der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung. Anschließend lehrte er von Princeton bis Bologna und Mailand an namhaften Hochschulen und wurde vielfach ausgezeichnet. Trotz allem finden seine Konzepte und Perspektiven noch immer viel zu wenig Beachtung. Gui Bonsiepe, der in den 1950er-Jahren in Ulm bei Maldonado Designtheorie studiert und 2007 eine Auswahl von dessen Aufsätzen und Schriften aus der Zeit „nach Ulm“ zu Sprachphilosophie, Anthropologie, Informatik, Medizin, politischer Ökonomie, Semiotik und Technikgeschichte ins Deutsche übersetzt und herausgegeben hat, zweifelt zu Recht daran, Maldonado ließe sich einfach charakterisieren:

„Es wäre ein unsinniges Unterfangen, Maldonados facettenreicher Person mit Etiketten beikommen zu wollen – Maler, Philosoph, Entwerfer, Erzieher, Kritiker, Theoretiker … Das alles trifft zu, aber zielt dennoch zu kurz. In seiner Jugend war er ein rigoroser Vertreter der konkreten Malerei, der mit dem Manifest arte concreto-ivención Ende der vierziger Jahre den in Buenos Aires seinerzeit vorherrschenden Akademismus, einschließlich der abstrakten Malerei, anprangerte. An der hfg Ulm stieß er in den Bereich der Forschung, Entwicklung und Ausbildung in Entwurfsdisziplinen vor. In Italien profilierte er sich zu einem führenden Vertreter in der kulturellen Debatte über Fragen der Gestaltung.“

Eine Vorliebe für gegenläufiges Denken

Tomás Maldonado im Unterricht an der Hochschule für Gestaltung Ulm, 1955
Tomás Maldonado im Unterricht an der Hochschule für Gestaltung Ulm, 1955, Foto: Ernst Hahn, © HfG-Archiv – Museum Ulm

Unter der Vielzahl von Eigenschaften und Einstellungen, die Bonsiepe anstelle pauschaler Etikettierungen an Tomás Maldonado ausgemacht hat, hebt er dessen Vorliebe für „pensiero discorrente“, gegenläufiges Denken, hervor. Hinzu kommen eine „Abneigung gegen monokausale Erklärungen, ein Misstrauen gegenüber Entmaterialisierungstendenzen, eine Kritik an technologisch-politischer Naivität, eine seismografische Empfindlichkeit gegen anti-emanzipatorische, autoritäre, antidemokratische Kräfte“ und „ein Misstrauen gegen Verbalradikalismus“ – um nur einige der Charakteristika zu erwähnen. Auch an „kaustischem Witz“, wie Bonsiepe es ausdrückt, habe es Maldonado nicht gefehlt.

Allein schon die Titel seiner Publikationen verraten, wie weitgespannt seine Interessen waren und wie ausgeprägt seine Bereitschaft, über Fachgrenzen hinaus zu denken und daraus Funken zu schlagen, die mehr als die erwarteten Areale erhellen. „Ist die Architektur ein Text?“ fragte er 1992; „Cyberspace – ein demokratischer Space?“ 1997. Er schrieb über „Telematik und neue urbane Szenerien“ ebenso wie über den „Ikonizitätsbegriff“, stellte abermals die „Frage nach der Technik“ und untersuchte deren autokratische Konzeption daraufhin, ob sie haltbar sei oder nicht.

Neuausrichtung der Grundlehre

Schon bevor Tomás Maldonado zum Rektor der HfG Ulm gewählt wurde, hatte er sich für eine radikale Neuausrichtung der Grundlehre engagiert. Anstelle auf Begabung und deren handwerkliche Entfaltung zu setzen, wie es Max Bills vom Bauhaus übernommenes Konzept vorsah, basierte sein Ansatz auf wissenschaftlichem Problembewusstsein und Problemlösungsverhalten. Mit dieser später als „ulmer modell“ gekannt gewordenen Umorientierung hat Maldonado nicht nur die Grundlehre an der HfG Ulm verändert, er hat die Designausbildung weltweit beeinflusst. Bis heute hat sein Ansatz Gültigkeit und wird in Grundzügen bei der Ausbildung von Industriedesignerinnen und Industriedesignern weltweit an zahlreichen Hochschulen praktiziert.

Maldonados Wende zu einer Verwissenschaftlichung der Designlehre, die zudem noch junge oder gerade aktuelle Fächer wie Semiotik und Wissenschaftstheorie einbezog, ist umso erstaunlicher, als er selbst nicht als Wissenschaftler, sondern als bildender Künstler begonnen hatte. Freilich, auch in seinen frühen Gemälden, Werken der geometrischen Abstraktion, betrieb er ein kontrolliertes und luzides Spiel mit der visuellen Wahrnehmung. Zusammen mit argentinischen Künstlerinnen und Künstlern wie Elena „Lidy“ Prati, Alfredo Hlito, Manuel Espinosa, Raúl Lozza, Enio Iommi und Oscar Nuñez war er 1935 Teil einer avantgardistischen Bewegung gewesen und hatte in der Folge eine Gruppe konkreter Kunst gegründet, die Kunst weder als Repräsentation oder Imitation einer äußeren Wirklichkeit, noch als Expression innerer Zustände und Empfindungen, sondern als reine Erfindung verstand. 1945 gipfelte sein Engagement in dem gemeinsam mit Lidy Prati und Edgard Bayley gegründeten Verein „Arte Concreto-Invención“.

Das Zeitalter des Entwerfens

Nachdem Tomás Maldonado Ulm verlassen hatte und 1967 nach Italien gezogen war, brachte ihm seine Zusammenarbeit mit Ettore Sottsass für Olivetti und sein Entwurf des Corporate Design für die Warenhauskette Rinascente viel Anerkennung ein. Auch hatte er in seinem 1970 entstandenen Buch „La speranza progettuale“, das 1972 unter dem Titel „Umwelt und Revolte. Zur Dialektik des Entwerfens im Spätkapitalismus“ auf Deutsch erschien, Umweltzerstörung und gesellschaftlichen Wandel als Themen ausgemacht, mit denen sich Designer/innen unbedingt auseinandersetzen müssten. In dem Aufsatz „‚Das Zeitalter des Entwurfs‘ und Daniel Defoe“ hat Maldonado später nicht nur mithilfe von Daniel Defoes „An Essay Upon Projects“ den Beginn des „projecting age“ im späten 17. Jahrhunderts verortet. Mittels eines aufschlussreichen Vergleichs mit Defoes zwanzig Jahre später erschienenem Roman „Robinson Crusoe“ arbeitete er auch zwei diametral entgegengesetzte Entwurfsperspektiven heraus. Die eine zielt auf eine Veränderung von Politik und Gesellschaft (very useful to society),die andere will individuelle Probleme lösen (very useful to me). Beide Perspektiven, so Maldonado, wirkten bis heute nach: „Man vergisst, dass unsere Epoche, im Guten wie im Schlechten, eine Epoche des Entwerfens ist – ein projecting age, wie es Defoe im Vorgriff von drei Jahrhunderten genannt hat –, möglicherweise die entwurfsintensivste Epoche der Geschichte.“ Das „Nachdenken über diesen Defoe“, so Maldonado, könne „uns dabei helfen, die Möglichkeit (und vor allem die Wahrscheinlichkeit) zu prüfen, honest projects in einer Epoche wie der unsrigen auszuarbeiten, in der die enorme Komplexität der zu lösenden Probleme den Entwurfswillen Tag für Tag auf eine harte Probe stellt.“

Eine Ausnahmeerscheinung im Designdiskurs

Tomás Maldonado, 1963
Tomás Maldonado, 1963, Foto: Roland Fürst. © HfG-Archiv – Museum Ulm

Maldonado hat es bewusst vorgezogen, von „Entwerfer“ und nicht von „Designer“ oder „Gestalter“ zu sprechen. Vielleicht ist er auch deshalb bis heute im Designdiskurs eine Ausnahmeerscheinung geblieben – leider, und obwohl seine Wende zur Wissenschaftlichkeit als Unterrichtsbasis erfolgreich war. Zu exotisch, zu gebildet, zu reflektiert und zu transdisziplinär erscheint noch immer seine Art, nicht nur in gängiger Diktion über das Entwurfsdenken zu sprechen, sondern Literatur, Philosophie, Zeichentheorie und vieles andere mehr in eine Reflexion über das Zeitalter des Entwerfens einzubeziehen. Trotzdem hat Maldonado gerade nicht für eine reine Theorie plädiert, sondern für ein Handeln, das gesellschaftlich etwas verändert. Wer sich in seine Texte vertieft, erkennt die andernorts üblichen akademischen Starrheiten, erschrickt aber vor allem darüber, wie sehr eine Sprache unreflektierter Praxis oder der neueste Marketing-Sprech heute den Designdiskurs dominieren – und ihn veröden lassen. Maldonado hat erkannt, dass man im Zeitalter des Entwurfsdenkens den Diskurs weder allein Designer/innen noch Künstler/innen noch Theoretiker/innen überlassen darf. Auch dann nicht, wenn niemand von ihnen rasch mit ein paar Abstraktionen über den entwurfsempirischen Hintergrund hinwegzugehen gedenkt. Insofern hat er von diversen Anhöhen aus Perspektiven eröffnet, die es ermöglichen, den Blick über jenes gipfellose „biedermännliche flatland“ zu erheben, als das Bonsiepe den Designdiskurs polemisch charakterisierte.

Am Ende seines Festvortrags zum 50. Jahrestag der Gründung der HfG Ulm empfahl Maldonado 2003, „dass die Entwerfer mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Horizont ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Verantwortung erweitern sollten; dass sie sich von den engen, bisweilen erstickenden Grenzen einer aufs Professionelle beschränkten Sichtweise befreien sollten; dass sie den Folgen ihres Handelns für die konkrete Lebenswelt der Menschen eine immer größere Aufmerksamkeit widmen sollten. Um nicht mehr und nicht weniger“. Tomás Maldonado, geboren am 25. April 1922 in Buenos Aires, starb am 26. November 2018 im Alter von 96 Jahren in Mailand, etwas mehr als zwei Monate nach Inge Feltrinelli, seiner lebenslangen Gefährtin und berühmten Verlegerin.

Mehr über Tomás Maldonado

Das HfG-Archiv und die Stiftung Hochschule für Gestaltung HfG Ulm erinnern anlässlich des 100. Geburtstags von Tomás Maldonado an den Designtheoretiker und Gestalter: Ein Argentinier in Ulm: Tomás Maldonado 1922-2018


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