Seit längerem zeichnet sich der Trend zum Wohnen auf kleinem Raum ab. Unter dem schlagkräftigen Titel „Micro-Living“ erlebt die Wohnform vor allem bei einer mobilen Zielgruppe, die nur für gewisse Zeit an einem Ort verweilt, enormen Zulauf. Für sie spielt die Größe des Wohnraums eine geringere Rolle als eine zentrale Lage und eine gute Anbindung.

Laut einer Studie der Ernst-Böckler-Stiftung fehlen in Deutschlands Metropolen heute 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen, darunter etwa 1,4 Millionen günstige Apartments für 1-Personen-Haushalte mit bis zu 45 Quadratmetern. Zahlreiche Anbieter haben sich bereits auf kleine, höchst funktional ausgestattete Wohnungen spezialisiert. Große Wohnkomplexe, wie die Berliner Gleis Park Apartments, die in urbaner Lage entstehen, haben angesichts des Bedarfs inzwischen eine Vielzahl kleinerer möblierter Wohneinheiten integriert, die direkt bezugsfertig sind. Zusätzliche Services wie Paket-Boxen, Car Sharing oder eine eigene Quartiers-App sollen weiteren Mehrwert schaffen. Um die knappe Wohnfläche zu kompensieren, umfassen moderne Apartment-Komplexe zugleich gemeinsam nutzbare Büroflächen, Fitnessbereiche und Waschkeller. Damit sprechen sie hauptsächlich Menschen an, für die Mikro-Wohnen eine attraktive temporäre Lösung ist. Studenten, Berufseinsteiger, Pendler können nach dem „plug and play“-Gedanken einziehen und direkt loswohnen.

In einer Zeit, in der sich vieles im Umbruch befindet, bedarf es gut durchdachter Konzepte, die ein Leben auf engem Raum – auch in Krisenzeiten – attraktiv machen. Hierfür müssen Planer immer mehr über Apartment-Grenzen hinausdenken und den Blick ebenfalls auf öffentliche Räume der Umgebung und die Bedürfnisse der Bewohner werfen. Zukunftsträchtige Ideen sind gefragt, welche die komplexen Ansprüche an bezahlbaren Wohnraum in zeitgemäße Konzepte umsetzen.

Nachhaltige Containerarchitektur

Ein nachhaltiges und ressourcenschonendes Konzept für modulares Wohnen legt Containerwerk mit Sitz in Wassenberg und Stuttgart vor. Die Firma veredelt gebrauchte Seefrachtcontainer mithilfe eines neuartigen monolithischen Dämmverfahrens und wandelt sie in industrieller Fertigung in Bau- und Raummodule um. Der technologisch durchdachte Prozess beschleunigt die Aufbereitungszeit der Container und ermöglicht eine zügige Umwandlung in eine Wohneinheit von 26 Quadratmetern Fläche. Neben temporären Lösungen wie Hotels, Boarding Houses oder Studentenwohnheimen lassen sich die Module auch als Büroflächen realisieren.

Geschäftsführer Ivan Mallinowski erkennt aber auch ein steigendes Interesse bei Privatpersonen, für die das Unternehmen deshalb vorabkonfigurierte Mini-Apartments für den privaten Markt entwickelt. „Modulares Bauen ist ein guter Ansatz, um einen Mangel an urbanem Wohnraum auszugleichen. Wichtig ist dabei aber, nicht die Qualität von Räumen und Architektur aus den Augen zu lassen – das ist in den 1950er und 60er Jahren mit rasch entstehenden Vorstadt-Wohnblocks schon einmal geschehen. Die Bedürfnisse der Bewohner dürfen nicht vergessen werden.“ Schnell und günstig hochgezogene Mikro-Apartments sieht auch Oona Horx-Strathern, Direktorin des Zukunftsinstituts Horx und Autorin des jährlich erscheinenden Home Reports, als keine gute Option für eine zukünftige Städtearchitektur: „Wenn es schlecht geplant ist, wird es zu dem, was ich ‚McLiving‘ nenne, eine ungesunde Ernährung für ein langfristiges Leben mit negativen Folgen für Gesundheit und Umwelt.“

Foto: Stefan Hohloch

Gemeinschaftsbereiche werden wichtiger

Wohngemeinschaften sind ein erprobtes Modell, um hohe Mieten zu bestreiten. In Metropolen wie New York sind in den letzten Jahren sogenannte „Co-Living-Companies“ aus dem Boden geschossen. Sie offerieren bezugsfertige Zimmer in Wohngemeinschaften. Neben der kompletten Ausstattung, die zum Teil auch Hauspersonal umfasst, bieten sie flexible Mietverträge und organisieren zudem soziale Aktivitäten für die Bewohner. Wenn die eigenen Wohnverhältnisse beengt sind, werden gemeinschaftlich nutzbare Bereiche immer wichtiger.

Für Oona Horx-Strathern ist es entscheidend, dass Mikro-Wohnen mit der Gestaltung öffentlicher Räume einhergeht: „Leben auf kleinster Fläche kann nur dann gut funktionieren, wenn es andere Gemeinschaftsbereiche gibt, die den Mangel an privatem Raum ausgleichen.“ Es hat nicht nur praktische Gründe, wenn der Schreibtisch in den Co-Working Space wandert und wertvoller Stauraum nicht von der Waschmaschine blockiert wird. Orte der sozialen Begegnung und Interaktion sind gerade dort essenziell, wo Menschen isoliert voneinander leben. „In vielen Städten gibt es nicht genügend Orte, an denen sich Menschen treffen können. Auf Dauer ist dies aber eine wichtige, gesunde Maßnahme, um eine steigende Einsamkeit in Städten zu unterbinden“, so Oona Horx-Strathern.

Leben auf kleinster Fläche kann nur dann gut funktionieren, wenn es andere Gemeinschaftsbereiche gibt, die den Mangel an privatem Raum ausgleichen.

Oona Horx-Strathern, Zukunftsinstitut Horx

Der Micro-Living-Trend lässt sich auch mit einer Sehnsucht nach größtmöglicher Unabhängigkeit in der Gesellschaft in Verbindung bringen. Dazu gehört der Wunsch, sich von Besitztümern zu befreien, die im heutigen mobilen Alltag als Ballast empfunden werden. Nicht erst seitdem Aufräum-Koryphäe Marie Kondo zum Entrümpeln aufrief, nehmen externe anmietbare Lagerorte, so genannte Self-Storage Units, zu. Sie bieten Platz für die Dinge, die zeitweise nicht benötigt werden und für die im Zuge von Micro Living schlichtweg kein Platz ist. Oona Horx-Strathern beobachtet mit dem „Tidyism“-Trend, dem Entrümpeln sowohl von physischen Gegenständen als auch in der digital-virtuellen Welt, ein Verlangen danach, die wichtigen Besitztümer zu kuratieren: „Unser Zuhause ist nicht nur Ausdruck unserer Grundbedürfnisse, sondern auch unserer Identität und Überzeugungen. Da unsere Lebensräume geschrumpft sind, müssen wir unser Verhältnis zu dem, was wir besitzen, neu überdenken.“

Base Cabin. Foto: Studio Edwards

Der Traum vom Tiny-Retreat auf Rädern

Wer den minimalistischen Lebensstil bereits perfektioniert hat, kann noch einen Schritt weiter gehen und seinen Wohnraum ortsunabhängig gestalten. Den Wunsch, ungebunden zu sein und einfach aufzubrechen, erfüllt das mobile „Base Cabin“, ein Mikro-Zuhause auf Rädern des australischen Architektur- und Designbüros Studio Edwards. Konzipiert, um sich mit seinem Hab und Gut dort niederzulassen, wo es gefällt, nur so lange, bis man weiterfährt, bietet die fahrbare Hütte mit Schlafplatz, Bad, Wohn- und Essbereich einen komfortablen Rückzugsort. Das avantgardistische Gefährt hat nicht viel mit einem gewöhnlichen Wohnmobil gemein, viel mehr erinnert der asymmetrische Giebelbau in Form eines spitzen Dreiecks an die Architektur eines Nurdachhauses. Eine hohe Dachluke und große Fenster lassen das modern ausgestattete Interieur vom Licht durchfluten und verstärken die Nähe zur Natur.

Micro-Living ist ein chancenreiches Modell, wie Menschen in immer stärker anwachsenden Städten leben können. Schon heute gibt es viele Anbieter, die den Markt mit innovativen und kreativen Ideen bereichern. Die kleinteilige Wohnform funktioniert jedoch nur, wenn sie gut durchdacht ist, Lebensbereiche ausgelagert werden und es genügend Angebote gibt, die soziale Interaktion fördern. Es bleibt spannend, in welcher Weise die gesundheitlichen Bedrohungen der Corona-Pandemie die Parameter für attraktive Wohnformen verschieben werden.

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