Von Martin Krautter.

Es muss nicht gleich die große Lichtkunst sein: Die LED-Technologie hat neue Möglichkeiten geschaffen, mittels Lichtfarbe subtil Atmosphäre zu erzeugen und Farben brillant in Szene zu setzen.

Ob Messestand, Concept Store, Bar oder Museum – Raumatmosphären sollen Marken individuell widerspiegeln, Objekte mit ihren Materialien und Farben ins rechte Licht gerückt werden. Ganz gleich, wie etwas gestaltet ist und aus welchem Material es besteht: Ohne eine gelungene Interaktion zwischen Objekt, Licht und Betrachter geht es nicht. Die Farbe des Lichts kann, wie Werke von James Turrell oder Olafur Eliasson demonstrieren, extreme Wirkung auf die menschliche Wahrnehmung haben.

Aber auch die klassische Architekturbeleuchtung setzt gestalterische Akzente durch Licht, wenn farbige Flächen aufglühen und beinahe plastisch hervortreten. Indem das Licht Informationen im Raum hervorhebt, lässt sich die Aufmerksamkeit von Kunden und Besuchern gezielt lenken. Warmweißes Licht mit höherem Rotanteil beispielsweise kann die gediegene Atmosphäre eines mit warmen, natürlichen Materialien eingerichteten Stores betonen, während kaltweißes Licht mit einem höheren Blauanteil für Frische in Eisdielen sorgt. Ein knallroter Kaschmirpullover, warm beleuchtet, sticht umso deutlicher hervor, wenn der Rest des Geschäftes in kühles Licht getaucht ist.

Seit in der Gastronomie, Retail- und Museumsbeleuchtung vor allem LED-Licht eingesetzt wird, spielt die Zusammensetzung des Lichtspektrums eine zentrale Rolle. Sie beeinflusst, welchen Farbton wir dem Licht selbst zuordnen und wie wir die Farben der Objekte in der Umgebung wahrnehmen. Hinzu kommen biologische Aspekte, etwa die Steuerung der »inneren Uhr« durch Blauanteile des Lichtspektrums. Vor allem aber lassen sich die spektralen Eigenschaften moderner LEDs für unterschiedliche Anwendungen maßschneidern oder sogar komfortabel digital steuern. Optimale Voraussetzungen dafür, Licht als virtuelles Gestaltungsmittel subtil, aber wirkungsvoll einzusetzen.

Herren Fashion Henschel Heidelberg
Designkonzept von blocher partners für Henschel, Heidelberg.
© Joachim Grothus für blocher partners

Lichtfarbe: Wie lässt sich mit dem Lichtspektrum Raumatmosphäre gestalten?

Die Lichtfarbe ist der anschaulichste Aspekt des jeweiligen LED-Spektrums. Der Charakter des Weißtons zwischen rötlich warm und bläulich kühl wird als Farbtemperatur in Kelvin (K) angegeben. Entgegen der Alltagslogik hat das »warme« Weiß einer Glühlampe eine niedrige Farbtemperatur von etwa 2.700 K, das »kalte« Weiß der Mittagssonne dagegen eine hohe Farbtemperatur von 6.500 K. Logisch erscheint dagegen, dass Räume in bläulichem Licht als kühler und weiter empfunden werden als in rötlich warmem Licht. Als Gestalter kann man eine Umgebung entweder gleichmäßig in eine kühle oder warme Atmosphäre tauchen – oder aber mit Kontrasten spielen und vor einem einheitlichen Hintergrund einzelne Objekte mit deutlich abgesetzter Lichtfarbe akzentuieren.

Weiße LEDs sind in der Praxis meist blau strahlende Halbleiter mit einer zusätzlichen Leuchtstoffschicht, die, vom Blau angeregt, die fehlenden Gelb- und Rotanteile zum Spektrum beisteuert. Durch Zusammensetzung und Menge des Leuchtstoffs kann die Farbtemperatur über Standardfarben wie Warmweiß (2.700 K), Neutralweiß (4.000 K) oder Tageslichtweiß (>5.500 K) hinaus beeinflusst werden.

Farbwiedergabequalität: Gibt es Standards für natürlich wirkende Farben?

Ein Firmenrestaurant ohne natürliches Licht – die Simulation eines Tageslicht- verlaufs mit Tunable-White- bzw. RGBW-Leuchten trägt zur Aufenthaltsqualität bei.

Manchmal spielt uns die Farbwahrnehmung Streiche: Der Schlips oder Schal, der unter Kunstlicht farblich so gut zum Hemd passte, wirkt in natürlichem Licht plötzlich ganz anders. Dieses Grundproblem der Farbwiedergabequalität haben LEDs mit Leuchtstofflampen gemeinsam. Beide erzeugen im Gegensatz zum kontinuierlichen Spektrum der Sonne oder einer Glühlampe ein Spektrum, das, als Kurve dargestellt, wie ein zerklüftetes Gebirge aussieht. Das menschliche Auge erfasst das Licht aber nicht gleichmäßig über den sichtbaren Wellenlängenbereich, sondern nur stichprobenartig mittels drei verschiedener Sehzellen, sogenannter Zäpfchen, die je nach ihrem Sehpigment für Rot, Grün oder Blau empfindlich sind. Aus den Verhältnissen dieser Messwerte ermittelt das Gehirn einen Farbeindruck. Das bedeutet: Licht, das uns weiß erscheint, kann dennoch Lücken im Spektrum aufweisen und gibt die betroffenen Farben entsprechend schlechter wieder. Diesen Effekt quantifiziert der Farbwiedergabeindex Ra oder CRI (Colour Rendering Index). Er ist von der Farbtemperatur zunächst unabhängig, wenn auch warmtonige LEDs oft zugleich einen höheren CRI haben. Die Referenz bildet Halogen- oder Tageslicht mit CRI 100.

Werte ab 80 gelten als gut, ab 90 als sehr gut – darunter sollte man zum Beispiel in Museen oder Ausstellungen nicht gehen. Aber Achtung: Der CRI wird nur anhand von acht Testfarben ermittelt, die in der DIN 6169 definiert sind – alles eher pastellige Töne. Schon ein sattes Rot fehlt, es kommt erst auf Platz neun der Testfarbenreihe. Manchmal wird daher mit dem Index R9 ein gesonderter Wert für dieses Rot angegeben. Angesichts der vielfältigen Spektren von LEDs hat der CRI etwas an Aussagekraft verloren. Neue Standards werden diskutiert, konnten sich bisher jedoch noch nicht breit durchsetzen.

Speziallichtfarben: In welchem Licht wirken Dinge frisch und lecker?

Dass unterschiedliche LEDs Farben verschieden wiedergeben, lässt sich als gestalterisches Mittel anwenden, indem das Licht auf die Körperfarben der zu beleuchtenden Flächen oder Objekte abgestimmt wird. Das kann relativ unspezifisch durch die Wahl der Lichtfarbe erfolgen: Neutrales oder kühles Licht unterstreicht technische Materialien wie Stahl, Glas oder Beton, während natürliche Materialien wie Ziegel, Leder oder Holz in warmem Licht optimal zur Geltung kommen. Es geht aber auch präziser: Jeder kennt das roséfarbene Licht an der Fleischtheke, unter dem das Gehackte gleich viel appetitlicher wirkt. Vor Jahren erzielte man den Effekt durch spezielle Entladungslampenund Filter. Heute gibt es besonders für den Lebensmittelhandel LEDs in Speziallichtfarben für verschiedene Warengruppen, von Obst und Gemüse über Brot bis zu Fisch und Meeresfrüchten. Der Grat zwischen optimaler Präsentation und Manipulation ist dabei schmal.

Below Black Body: Was macht Weiß weißer und Farben satter?

Das ging früher nur mit Vollwaschmittel – heute bieten die Hersteller unter Bezeichnungen wie »Crisp White« LEDs an, die Weißtöne strahlender und Farben satter als gewohnt erscheinen lassen. Die Zauberformel lautet »Below Black Body«, das heißt, der Farbort dieser LEDs liegt im CIE-Diagramm unterhalb des planckschen Kurvenzugs. Der Trick funktioniert besonders gut bei höheren Farbtemperaturen und wird gern im Handel mit Mode und Textilien eingesetzt, eignet sich aber grundsätzlich, wenn ein sehr buntes Sortiment frisch und knackig erscheinen soll. Ein weiterer Kunstgriff: LEDs mit erhöhtem Violettanteil, der die optischen Aufheller in Textilien aktiviert.

Warm Dimming und Tunable White: Wie lässt sich der Rhythmus des Lebens unterstützen?

Werden Glühlampen heruntergedimmt, verschiebt sich ihr Weißton immer mehr ins Rötliche. Bei LEDs bleibt die Farbtemperatur beim Dimmen hingegen konstant. Weil wir die Verschiebung gewohnt sind, empfindet man gedimmtes LED-Licht schnell als fahl oder kühl. »Sunset« oder »Warm Dimming« sind Marketingbegriffe für LED-Lichtquellen, die eine Verschiebung durch Zumischung von rotem Licht simulieren: durchaus sinnvoll beim Einsatz im Wohnbereich oder in der Gastronomie, wo es um den Eindruck von Komfort und Gemütlichkeit geht. LED-Lichtquellen in »Tunable White« haben dagegen überhaupt keine feste Farbtemperatur, sondern lassen sich in einem Bereich zwischen warmem und kühlem Weiß variabel steuern. Sie sind ein unverzichtbares Element im »Human Centric Lighting«, das den natürlichen Verlauf des Tageslichts simuliert: rötlich warm bei Sonnenaufgang, blaustichig am Mittag, abermals warmtonig am Abend. Entsprechende zirkadiane Beleuchtung kann die »innere Uhr« des Menschen unterstützen und hat in Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen oder Büros positive Effekte gezeigt.

Effekte wie Warm Dimming oder Tunable White sind ohne digitale Steuerung nicht denkbar. Aktuelle Systeme wie Casambi nutzen das Smartphone oder Tablet zur Programmierung und Bedienung. © Occhio

Intuitiv steuern, live erleben

Mit der dynamischen Komponente werden die beschriebenen Lichtqualitäten auch zur Aufgabe für das Interfacedesign. Denn natürlich benötigen variable Lichtquellen auch Nutzerschnittstellen, die ihrerseits durch die Displaytechnik in der Darstellung von Farbnuancen limitiert sind. Die Berührungspunkte zwischen Design und der spektralen Zusammensetzung von Licht sind also vielfältig. Einige Hinweise können kein Fachstudium dazu ersetzen, womöglich aber das ein oder andere Buzzword entzaubern und zur kreativen Auseinandersetzung mit der Thematik anregen.

Ganz wichtig: Wer als Designer spezielle Lichtfarben und LED-Spektren einsetzen möchte, sollte die Wirkung, wenn irgend möglich, experimentell an Mustern oder in einem Mock-up überprüfen – am besten unter Einbeziehung späterer Nutzer. Denn die Effekte lassen sich kaum simulieren, oft nur schwer beschreiben und werden darüber hinaus von Betrachtern durchaus unterschiedlich wahrgenommen.


Zuerst erschienen im designreport 01/2019.

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