Sebastian Viering erwarb sein Diplom in Industrial Design an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. In seiner Diplomarbeit befasste er sich insbesondere mit der Interaktion von Mensch und Objekt zur Klangerzeugung und schuf neuartige elektronische Instrumente. Für seine kreative und innovative Arbeit wurde er als einer von 5 Finalisten für die dotierte Auszeichnung „German Design Award Newcomer 2020“ ausgewählt.

Wir haben Sebastian Viering 3 Fragen zu seinem Projekt „Interaktion mit dem Ton“ gestellt, das Technologie und individuelle Kreativität auf besondere Weise vereint.


Herr Viering, im Rahmen Ihrer Diplomarbeit „Interaktion mit dem Ton“ haben Sie ein System zur Klangerzeugung erschaffen. Stellen Sie Ihr Projekt bitte kurz vor.

Dabei handelt es sich um ein Kit, welches es möglich macht, verschiedenste Resonanzkörper in neue elektronische Musikinstrumente zu verwandeln. Als Resonanzkörper kann zum Beispiel ein Eimer, ein Fenster oder auch ein akustisches Instrument dienen. Darauf werden dann der zentrale Puck mit Körperschall-Lautsprecher und je nach Wunsch ein oder mehrere Eingabegeräte angebracht. Zur Auswahl stehen Pad-Controller, die in beliebiger Zahl magnetisch aneinander gekettet werden, ein Atem-Controller oder ein Piano-Controller, auf dessen Silikonoberfläche auch fein nuancierte Zwischentöne gespielt werden können. Für die Tongestaltung kann die volle Freiheit digitaler und analoger Synthesizer genutzt werden, an die das Objekt angeschlossen wird. Auf diese Weise werden akustischen Instrumenten neue Töne entlockt oder gewöhnliche Alltagsobjekte zu Musikinstrumenten.

Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Projekt? Was fasziniert Sie an den Möglichkeiten der Mensch-Objekt-Interaktion?

Musik hat schon immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt, ich spiele selbst unter anderem Gitarre und Geige. Gleichzeitig hatte ich aber auch immer ein großes Faible für alles, was mit Technik und Elektronik zu tun hat. Elektronische Musikinstrumente bergen ein unglaubliches Potenzial an Möglichkeiten, frei von den physikalischen Grenzen akustischer Instrumente kann eine Unzahl von Klängen generiert werden.

Als Musiker – und als Designer – war ich aber oft frustriert über die Art und Weise, wie man mit diesen Klängen interagiert. Während ein gut beherrschtes akustisches Instrument sich im besten Fall wie eine Verlängerung des eigenen Körpers anfühlt, kommt ein elektronisches Musikinstrument diesem Gefühl selten nahe. Meist gibt es eine klare Trennung zwischen Bedienung und Tonausgabe. Wenn man aber wie beim Spielen eines akustischen Instruments einen Ton nicht nur hört, sondern ihn zugleich in den Fingern spürt, ergibt sich ein ganz anderes Spielgefühl. Mein erster Ansatzpunkt war also zu versuchen, dieses Gefühl der „Nähe zum Ton“ auf ein elektronisches Musikinstrument zu übertragen.

Interaktion mit dem Ton © Sebastian Viering

Mein erster Ansatzpunkt war zu versuchen, das Gefühl der „Nähe zum Ton“ auf ein elektronisches Musikinstrument zu übertragen.

Was ist das Besondere an Ihrem Projekt? Wie hoch schätzen Sie Innovationsgrad und Nutzwert Ihrer Arbeiten ein?

Das Besondere ist, dass gewissermaßen eine Brücke zwischen akustischer und elektronischer Tonerzeugung geschlagen wird. Der Ton selbst wird elektronisch generiert, aber dann noch einmal vom besonderen Charakter des jeweiligen Resonanzkörpers gefärbt. Ein Blecheimer fügt dem Klang beispielsweise eine metallische Komponente hinzu, eine hölzerne Gitarre lässt den Ton eher warm klingen. Und da die Eingabegeräte direkt auf dem klingenden Objekt platziert werden, wird auch die zuvor erwähnte „Nähe zum Ton“ erhöht. Die Vibrationen des Resonanzkörpers lassen den Spieler jeden Ton spüren und erzeugen ein sehr natürliches Spielgefühl. Das Ergebnis ist also ein Produkt, das eine besonders spielerische Herangehensweise an elektronische Musik erlaubt und dabei gleichzeitig neue Instrumente ermöglicht, die ein eigenes Temperament und eine Spielbarkeit aufweisen, wie man sie von elektronischen Instrumenten selten kennt.


Sebastian Viering wurde am 21. April 1992 in Malsch geboren. 2019 erwarb er sein Diplom in Industrial Design an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Während seiner Studienzeit, die unter anderem ein Auslandssemester an der Tokyo University of the Arts umfasste, gestaltete er unterschiedlichste Objekte – oftmals mit einem Fokus auf Technik und darauf, wie diese das alltägliche Leben bereichern kann. In seiner Diplomarbeit verband er seine Faszination für die Interaktion zwischen Mensch und Objekt mit seiner Leidenschaft für Musik und gestaltete ein Kit für die Kreation neuer Musikinstrumente. Seit 2019 arbeitet Sebastian Viering freiberuflich als Industriedesigner.

www.viering.org

German Design Award Newcomer Finalist 2020


Beitragsbild: © Martin Diepold/Grand Visions

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