Von Martina Metzner.

David Gilbert und Kim Lauenroth setzen sich für die Etablierung des Digital Designers ein – und diskutierten darüber mit Felix Damerius und Franziska Weißbach beim dritten Design Talk des Jahres.

Am letzten Novemberwochenende hat Apple Jonathan Ive von der Website gestrichen. Damit geht eine Ära zu Ende: Ive und Steve Jobs, der 2011 verstarb, standen für ein perfektes Duo aus Design, Engineering und Management, woraus unter anderem das iPhone entstand. Nun übernimmt, so heißt es, wieder das Engineering und der reine Profitgedanke, der „Siegeszug des Unternehmers übers Design“ wie die Zeitungen schreiben. 

Dies skizziert das Thema, um das es sich beim dritten Design Talk des Rat für Formgebung drehte und das damit den Abschluss der Reihe im Jahr 2019 mit der großen Klammer „Design und Digitalisierung“ bildete: „Digital Design – wie IT und Design optimal zusammenwirken“. Federführend wurde die Runde initiiert von David Gilbert, Chief Advisor Digital Experience Design bei der DB Systel, in deren Räumlichkeiten im 31. Stock des DB Systel Towers in Frankfurt der Design Talk am 3. Dezember 2019 stattfand. Zudem saßen Felix Damerius von der Peter Schmidt Group, Kim Lauenroth von adesso und Franziska Weißbach von der ING auf dem Podium. 

Das Digital Design Manifest

Alle eint: Sie sind Quereinsteiger ins digitale Design, haben sich die Skills selbst angeeignet. Und: Sie benötigen weitere Teamkollegen – doch der Markt an Designern mit digitalen Kompetenzen ist überschaubar. Außerdem: Es gibt zwar IT Architekten, es gibt Interface-, Interaktion-, UX- und Systemdesigner – aber den Digital Designer gibt es noch nicht. David Gilbert arbeitet eng mit Kim Lauenroth zusammen, ist stellvertretender Vorsitzender im Arbeitskreis „Digital Design“ des größten Digitalverbandes Deutschland Bitkom. Beide gehören zu den Initiatoren des „Digital Design Manifest“, das sie 2016 publiziert und das mittlerweile über 350 führende Persönlichkeiten aus der Branche unterschrieben haben. 

Darin ziehen sie den Vergleich zur Architektur: Bei Bauvorhaben denke man ganz selbstverständlich an Architekten, die für die Gestaltung von Gebäuden verantwortlich sind und gezielt dafür ausgebildet werden. Aber an wen sollte man denken, wenn es um die Gestaltung von Digitalisierungsvorhaben geht? Die Digitalbranche sei aus der IT heraus entstanden, aber die Fähigkeiten reichen nicht aus. Vor diesem Hintergrund wollen Gilbert und Lauenroth den Digital Designer als Berufsbild neu etablieren. Er solle auf zwei Säulen gründen: der Informationstechnologie und dem Design. Der Arbeitskreis von Gilbert und Lauenroth spricht daher mit Hochschulen, mit der Öffentlichkeit, mit der Politik und mit Verbänden anderer Disziplinen, um auf diese neue Profession aufmerksam zu machen.

Der Digital Designer – ein neues Berufsbild

Für David Gilbert ist der Digital Designer einer, „der auf allen Ebenen – Zeichen, Interaktion, Produkt und System – agiert“. Er sei kein heroischer Designer, sondern arbeite im Team. Der Digital Designer nach Gilbert versteht beide Welten, die Designperspektive als auch die Ingenieursperspektive. In seinem Medienmanagement-Studium an der FH Wiesbaden hat er für sich die drei Bereiche Design, Management und Technik miteinander verbunden. Für Lauenroth ist ein zentrales Anliegen in der Etablierung des Digital Designers, die klassischen Berufsbilder zu erhalten und sie für die digitale Welt zu öffnen. Allerdings beklagt er: „Viele Talente gehen eher ins Design oder in die Architektur. Wie kriege ich die, die Kommunikationsdesign oder andere Gestaltungsberufe anstreben, in die IT-Welt?“

Wir sind der Wandler zwischen den Welten und gestalten die Zukunft.

Franziska Weißbach

Für Franziska Weißbach, Intrapreneur bei der ING, ist das Digital Manifest deshalb gelungen, da es endlich klare Worte findet.  Die studierte Diplom-Kauffrau hat vor vier Jahren „Human Experience & Usability Design“ im Unternehmen etabliert und ein Team aufgebaut, das aus UX- und UI-Spezialisten, Writer und Researcher besteht. „Wir sind der Wandler zwischen den Welten und gestalten die Zukunft.“ Digitale Technologien und Services seien allgegenwärtig, die Übergänge zwischen digitalen und analogen Welten würden immer komplexer. Das Design dieser Erlebnisräume sei eine neue Disziplin, die von ganz unterschiedlichen Skills und Persönlichkeiten gestaltet und umgesetzt werden, so die Expertin. So sieht sich Weißbach und ihre Kollegen als „Vordenker“ und „Pioniere“. „Da etabliert sich eine Disziplin – die muss sich Raum schaffen. Man muss dagegen angehen, nur als Pixelschubser angesehen zu werden.“ Das Thema müsse kontinuierlicher auf oberster Ebene aufgehängt werden. „Dafür müssen wir kämpfen und Verständnis schaffen“, so Weißbach.

Anschlussfähigkeit an andere Disziplinen

Felix Damerius, der als Creative Director bei der Peter Schmidt Group, einer der größten deutschen Marken- und Design-Agentur, analoge wie auch digitale Produkte gestaltet, lobt den Vorstoß von Gilbert und Lauenroth. Sagt aber: „Vielleicht ist es ja doch am Ende der Designer mit unterschiedlichen Schwerpunkten.“ Man müsse ja auch die analoge Welt kennenlernen. Für Damerius ist entscheidend, wie der Zugang zu diesen Studiengängen und Berufen in Zukunft gestaltet wird, welche Rollenbilder man kennengelernt hat.

Wir brauchen Designer, die die Anschlussfähigkeit an andere Disziplinen haben.

Felix Damerius

Damerius ist ähnlich wie Gilbert und Weißbach durch Umwege zur Digital Expertise gekommen, hat direkt nach dem Kommunikationsdesign Studium an der Hochschule Darmstadt beim Fraunhofer Institut gearbeitet. Damerius sagt: „Wir brauchen Designer, die die Anschlussfähigkeit an andere Disziplinen haben.“ Ebenso wichtig, wie mit den Codes umzugehen, sei aber auch Empathie zu entwickeln, für die Wünsche der Menschen, so Damerius. Man gestaltet bei digitalen Produkten ja nicht mehr das Artefakt, sondern Interfaces, Bedienstrukturen, Interaktionen, Erlebnisse – insgesamt den Gebrauch. Sein Team bei der Peter Schmidt Group stellt er so zusammen, dass analoge und digitale Spezialisten immer zusammenarbeiten. Somit vermeide man den größten Fehler: Ein Problem nur aus einer Perspektive anzugehen.

Richtlinien für gutes Digital Design

Auch die ethischen Richtlinien, die in dem Digital Design Manifest formuliert werden, findet Weißbach hilfreich. So heißt es dort, dass „Gutes Digital Design“ den ganzen Menschen in den Blick nimmt. Und weiter: „Es ist nützlich und gebrauchbar. Es ist elegant und ästhetisch. Es ist evolutionär und explorativ. Es ist nachhaltig und schafft Nachhaltigkeit. Es achtet den Datenschutz und die Datensicherheit. Es würdigt Analoges und Digitales in gleicher Weise. Und setzt Digitales dort ein, wo es erforderlich ist.“

In vielen Gestaltungsbereichen, sei es in der Architektur oder im Design, heißt es aktuell: Wir müssen wieder den Menschen in den Fokus unserer Gestaltung setzen. Das habe man in den vergangenen Jahren vernachlässigt. In diesem Zusammenhang schaut Gilbert auch wieder stärker auf den Nutzungskontext, seitdem er von der Agenturseite zur Deutschen Bahn gewechselt sei. Denn gerade bei den internen Anwendungen entfaltet sich deren Nutzen nur, wenn sie sich neben einer positiven Wahrnehmung (Experience) auch durch gute Benutzbarkeit (Usability) auszeichnen. Daher ist die Beschreibung des Nutzungskontextes mittlerweile auch fest in die IT-Entwicklungs-Prozesse bei der DB Systel integriert.

Das Beste der Technologie nutzen

Die Kunst bestehe darüber hinaus nach Lauenroth nicht nur darin, die Technologie zu entwickeln, sondern die Technologie zu benutzen. Paradebeispiel sei dafür die Künstliche Intelligenz. Man solle sich fragen, was man rausholen kann. Bezogen auf eine Bank, könnte man mit KI Leuten helfen, ihre Finanzen besser zu managen, so Lauenroth. Die Frage nach dem „Wozu“ der Gestaltung wird heute immer wichtiger – diese Anmerkungen kamen auch mehrheitlich aus dem Publikum, in dem einige Hochschullehrer vertreten waren.

Des Weiteren fordern Gilbert und Lauenroth in ihrem Positionspapier der Bitkom „Digitale Bauhäuser für den europäischen Weg in die digitale Zukunft“ eine ganzheitliche Lehre wie einst am Bauhaus. Diese neuen Studiengänge müssten zwischen den Disziplinen Design und Informatik positioniert sein. Zahlreiche Hochschulen zeigen Interesse an der Idee des „Digitalen Bauhauses“. Die Studierenden dort sollten im Unterschied zur klassischen Industrie- und Kommunikationsdesignausbildung lernen, grundsätzlich den Herstellungsprozess ihrer digitalen Produkte zu begreifen und dass Technologie ein anderes Material ist. „Es verhält sich anders im Entstehungsprozess, ich habe ganz andere Freiheiten, ich kann bei vielen Details später im Entwicklungsprozess noch eingreifen“, so Lauenroth. Und weiter: „Welche Freiheitsgrade und Möglichkeiten gibt mir das Material?“ Das sei eine zentrale Frage, die ein Digital Designer beantworten können sollte.


Bei den DESIGN TALKS, die der Rat für Formgebung zusammen mit dem Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen veranstaltet, kommen Kreative und Unternehmen in Hessen zusammen und stärken dadurch den Design-Diskurs. Der zweite Design Talk 2019 fand am 27. November bei Spiriant in Neu-Isenburg statt. Unter dem Titel „Circular Design: Zeit für Innovations-Rebellen“ diskutierte Karel Golta, Innovationsexperte und Inhaber der Beratungsfirmen Indeed, TOI – Tools of Innovators und Simplexion, mit Daniel Knies, Chefdesigner bei Spiriant für Inflight Equipment. Moderiert wurde die Runde von Designjournalistin Martina Metzner.

Bilder © Christof Jakob

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