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Wicked Problems: Ambiguität gestalten und Systeme mitliefern. Expertentalk Markus Frenzl und Markus Weisbeck

Welche Bedeutung kommt den „Wicked Problems“ im Kontext globaler Transformationsaufgaben zu? Und wie positioniert sich dabei das Design? Ein Gespräch zwischen Prof. Markus Frenzl (Fakultät für Design der Hochschule München University of Applied Sciences) und Prof. Markus Weisbeck (Fakultät Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar).

Markus Frenzl: Der Begriff der „Wicked Problems“ von Horst Rittel hat in den letzten Jahren eine kleine Renaissance erlebt. Er ist fast zu einem Schlagwort geworden, um die globalen Transformationsaufgaben zu beschreiben, die aus den bestehenden Systemen heraus unlösbar erscheinen. Wahrscheinlich wollen wir uns im Design damit auch positionieren, an der Transformation mitzuwirken.

Markus Weisbeck: Wir sehen Probleme, die die Welt mit der globalen Erwärmung und unter anderem daraus folgenden Migrationsströmen bewältigen muss. Der hypothetische Blick in die Zukunft, die Lösung noch nicht existierender Probleme sind klassische Beispiele, wie Gestaltung in Politik oder Gesellschaftsformen eingesetzt werden kann. Rittel sagt ja interessanterweise, das Denken von Designer/innen sei so strukturiert.

Frenzl: Im Hochschulkontext kommen viele Disziplinen erstmals auf uns zu, weil sie im Design bestimmte Kompetenzen erkennen, die sie selbst nicht mitbringen. Vielen wird jetzt klar, dass die Transformationsaufgaben nicht von einer Einzeldisziplin und in Einzelaspekten gelöst werden können, sondern eine interdisziplinäre, systemische Perspektive erfordern. Und wir akzeptieren müssen, dass es für solche „Wicked Problems“ keine abgesicherte wissenschaftliche Lösung geben kann.

Weisbeck: Ja, es geht um multioptionale Welten.


„Transformationsaufgaben können nicht von einer Einzeldisziplin und in Einzelaspekten gelöst werden, sondern erfordern eine interdisziplinäre, systemische Perspektive.“

— Markus Frenzl


Frenzl: Ich halte für zentral, welches Verständnis unserer Disziplin sich darin spiegelt. Design befasst sich immer mit systemischen, sozialen und kulturellen Kontexten. Vielleicht ist dabei die vermeintliche Unwissenschaftlichkeit unserer Disziplin – das Experiment, die Improvisation – jetzt sogar unser großer Vorteil. Vor diesem Hintergrund ist eine spannende Frage, ob wir im Design unreflektiert die Forschungslogiken anderer Disziplinen übernehmen sollten.

Weisbeck: Das ist faktisch unmöglich. Die Improvisation ist eines unserer Hauptinstrumente und die ist in den meisten Disziplinen verpönt. In der Chirurgie wäre sie nicht unbedingt wünschenswert. Im Design kommen wir durch verschiedene Schritte des nicht-logischen oder -linearen Denkens auf Ideen, die wir prozessual immer weitertransformieren. Auf der anderen Seite benötigen wir sogar eine gewisse Unlogik, um im Entwurfsprozess zu lösungsbringenden Ergebnissen zu kommen. Oder als Slogan verpackt: „Ist die Methodologie die Kunst der schwachen Talente?“


„Die Improvisation ist eines unserer Hauptinstrumente und die ist in den meisten Disziplinen verpönt.“

— Markus Weisbeck


Frenzl: Durch Design Thinking ist das Verständnis gewachsen, dass Design nicht nur Ästhetisierung, sondern auch die Gestaltung von Innovationsprozessen und Zukunftsmodellen bedeutet. Design Thinking bildet aber weder den Designprozess, noch Kreativität als Ganzes ab. Es gehört auch zu unseren Kompetenzen im Design, Ambiguität zu gestalten und Ungewissheit auszuhalten, uns mit Fehlern und Zwischenlösungen zu arrangieren. Wir sind gewohnt, durch viele iterative Prozesse zu gehen und Entwürfe vorzulegen, die nicht wissenschaftlich belegbar sind. Viele scheinen das immer stärker wertzuschätzen. Ich glaube deshalb, dass unsere Disziplin sich keinen Gefallen tut, wenn sie versucht, sich immer stärker an die Wissenschafts- und Forschungslogiken anderer Disziplinen anzupassen.


„Es gehört zu unseren Kompetenzen im Design, Ambiguität zu gestalten und Ungewissheit auszuhalten, uns mit Fehlern und Zwischenlösungen zu arrangieren.“

— Markus Frenzl


Weisbeck: Zumal wir es künftig mit Generationen zu tun haben werden, die nicht nur komplett digitalisiert sind, sondern auch in eine verknüpfte Konsum- und Servicewelt reingewachsen. Man schließt einen Social-Media-Kanal mit einem Delivery-Service zusammen und hat ein neues Produkt. Das ist unendlich transformierbar. Daran kann man nur mit einer Haltung herangehen, wie Du sie beschreibst.

Frenzl: Wir müssen uns aber davon verabschieden, dass die Lösung immer ein Produkt ist. Wir können eine Wachstumslogik nicht durch eine andere Wachstumslogik ersetzen. Auch die Startup-Kultur tut sich damit oft schwer. Alle thematisieren Nachhaltigkeit und soziale Aspekte und entwickeln als Problemlösung dann ein neues Produkt, sei es gegenständlich oder eine Dienstleistung. Design ist aber immer auch Kulturproduktion. Wenn die Mülleimer im öffentlichen Raum wegen der Coffe-to-go-Becher öfter geleert werden müssen, kann man leichter entleerbare Mülleimer gestalten, spülbare To-go-Becher und Pfandsysteme wie Recup – oder man kann versuchen, einen kulturellen Wandel zu gestalten, bei dem Kaffee wieder „to stay“ ist. Design muss sowohl an Nachhaltigkeitsthemen wie neuen Materialien, Kreisläufen oder Rezyklierbarkeit arbeiten, als auch kulturelle Muster antizipieren, wie sich Menschen verhalten und mit Dingen umgehen werden. Und es muss Modelle für eine Gesellschaft entwickeln, die Alternativen zur Wachstumslogik sucht. Wir Designer/innen müssen uns endlich trauen, über Verzicht zu sprechen. Das Thema scheint noch immer nicht angekommen zu sein, obwohl es seit 1972, mit „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome, auf der Agenda steht.

Weisbeck: Ja, vollkommen richtig, zumal immer mehr Menschen eine Abneigung von Besitz haben, etwa von Automobil oder Individualverkehr. Selbst wenn eine jüngere Generation unsere gegenwärtige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ablehnt, kann man sie nicht als anarchistisch und verantwortungslos bezeichnen. Im post-pandemischen Zeitalter geht es immer weniger um Warenwelt und Besitz. Wir werden Kombinationen von Mietservice-Dienstleistungen erleben, aber mit Sicherheit auch problematische Credit-Point-Systeme wie in China. Die meisten Designer/innen, die ihren Beruf ernst nehmen, gestalten nicht erst, wenn sie einen Auftrag bekommen, sondern entwickeln kontinuierlich Lösungen, die sie gar nicht für die aktuelle Auftragsarbeit eines Produktes oder einer Kampagne benötigen. Es gibt nicht viele Disziplinen, die schon während ihrer Arbeit über die Zukunft nachdenken.


„Im post-pandemischen Zeitalter geht es immer weniger um Warenwelt und Besitz. Wir werden Kombinationen von Mietservice-Dienstleistungen erleben, aber mit Sicherheit auch problematische Credit-Point-Systeme wie in China.“

— Markus Weisbeck


Frenzl: Es ist spannend, welche Disziplinen gerade versuchen, sich als Leitdisziplin für die Transformation zu positionieren: Sind das die Sozialwissenschaften, das Unternehmertum, die Naturwissenschaften oder etwa die Philosophie? Viele Designtheorie-Professuren wurden in letzter Zeit mit Philosoph/innen besetzt und es ist interessant, ob sie innerhalb des Designs eher eine reflektierende Position von außen einnehmen werden oder sich selbst als Gestalter/innen verstehen. Ist es nicht zentral, dass wir im Design über das „Doing“ unsere Disziplin und unsere Verantwortung reflektieren?

Weisbeck: Ja, viele Kolleg/innen aus der Visuellen Kommunikation machen zwar tolles Zeug, können ihre eigenen Ideen aber überhaupt nicht artikulieren. Die Marketingabteilung, sprich die Betriebswirte, fasst es dann wieder in Worte, um Etats innerhalb des Konzerns zu gewinnen. Wir müssen auch aus der Praxis der Visuellen Kommunikation oder des Produktdesigns einen theoretischen Unterbau schaffen, keine großen philosophischen Abhandlungen, aber zumindest eine Gebrauchsanweisung vom Denken mitliefern.

Frenzl: Es geht aber nicht nur um die Begründung des konkreten Entwurfs. Designer/innen müssen auch aushandeln, welche Rolle sie bei der Gestaltung von transformativen Prozessen, Teilhabe oder Partizipation spielen wollen. Design hat seine soziale Relevanz wiederentdeckt, muss sich aber noch neu erfinden, was die Vermittlung der eigenen Kompetenzen anbelangt. Ich glaube nicht, dass wir in Öffentlichkeit und Politik bereits das Standing haben, um in unserer Rolle akzeptiert zu werden.

Weisbeck: Noch in keiner Weise! Um mit Lucius Burckhardt zu sprechen: was wir hier manifestieren müssen, ist nicht nur das, was wir praktisch ausführen, sondern wir müssen auch das System mitliefern. Wir stecken in den Kinderschuhen, wenn wir einem Betriebswirt, einem Analytiker, einem Zahlenmenschen erklären wollen, dass Improvisation zu einem unserer Hauptwerkzeuge zählt. Eine gewisse Skepsis gegenüber dem Design ist noch immer da. Designer/innen gelten eher als Geldverschwender, die alles ästhetisieren wollen. Aber diese Akzeptanz wird mit Sicherheit wachsen, weil wir immer größere Ausgrenzungen in Warenwelten, Service, Servicedienstleistungen oder sozialen Diensten erleben, die alle eine Form brauchen.

Frenzl: Andreas Reckwitz thematisiert in seinem aktuellen Buch, dass die Antragslogik in der Soziologie die Entwicklung großer Gesellschaftsmodelle verhindert, weil man sich bei Forschungsanträgen eher mit zeitlich begrenzten, kleinteiligen Fragestellungen befasst. Vor dem Hintergrund großer Nachhaltigkeits- und Transformationsthemen und der damit verbundenen „Wicked Problems“ sind wir im Design mit der gleichen Problematik konfrontiert: Erwartet man von der Designforschung nur kleinteilige, pragmatische Lösungen? Und wer – außer wir selbst – billigt uns zu, uns mit großen gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen?

Wicked Problems
Horst Rittel prägte gemeinsam mit Melvin Webber in den 1960er-Jahren den Begriff der „Wicked Problems“: Probleme, die unklar, widersprüchlich, volatil oder sogar unlösbar erscheinen. Dabei definierten sie zehn Charakteristika für Wicked Problems:

1) Es gibt keine endgültige Formulierung für Wicked Problems.
2) Für schwierige Probleme gibt es keine eindeutige Ziellinie, d. h. man kann nicht wissen, ob die Lösung endgültig ist.
3) Lösungen für Wicked Problems sind nicht wahr oder falsch, sondern besser oder schlechter.
4) Es gibt keinen unmittelbaren und keinen endgültigen Test einer Lösung für ein Wicked Problem.
5) Jede Lösung eines bösen Problems ist eine „einmalige Operation“; da es keine Möglichkeit gibt, durch Versuch und Irrtum zu lernen, ist jeder Versuch wichtig.
6) Es gibt Grenze bei der Menge möglicher Lösungen noch eine gut beschriebene Menge zulässiger Operationen, die in den Plan aufgenommen werden können.
7) Jedes Wicked Problem ist im Wesentlichen einzigartig.
8) Jedes Wicked Problem kann als Symptom eines anderen Problems betrachtet werden.
9) Es gibt immer mehr als eine Erklärung für ein Wicked Problem, weil die Erklärungen je nach der individuellen Perspektive sehr unterschiedlich sind.
10) Designende haben kein Recht, sich zu irren, und müssen die volle Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.

Weisbeck: Die Rolle, die man uns zuweisen wird, ist die Rolle, die wir selber zugewiesen bekommen wollen. Es braucht Selbstbewusstsein für unsere Handlungen. Das Bewusstsein, dass wir unseren Beruf, auch wenn er spielerisch ist, nicht als reines Spiel begreifen. Und auch eine gewisse Ernsthaftigkeit und ein gewisses Selbstvertrauen, mit unseren Methoden Probleme anzugehen, die größer sind als wir selbst. Man kann Versuchs- und Lösungsmodelle entwickeln, die ein Baustein zu einem größeren sind. Das können wir in unserer Disziplin vielleicht besser als andere.

Frenzl: Es ist eine spannende Frage, ob wir uns klarer mit einer eigenständigen Forschungslogik positionieren müssen, wenn wir mehr Bewusstsein für die Möglichkeiten der Designforschung schaffen wollen.


„Der akademische Kontext, in dem wir beide stecken, darf keine eigenen Systeme entwickeln, die die Praxis nicht mehr benötigt.“

— Markus Weisbeck


Weisbeck: Das würde uns nicht schaden und uns auch ein bisschen erden. Wenn man nur vergleicht, wie viele Kunsthistoriker/innen es gibt und wie dünn die Zahl in Designtheorie oder Design-Philosophie ist! Andererseits müssen wir bei der Akademisierung aufpassen: Wir brauchen das Feedback der Hand zum Gedanken, wie Gropius sagte. Der akademische Kontext, in dem wir beide stecken, darf keine eigenen Systeme entwickeln, die die Praxis nicht mehr benötigt. Heute ist es in einer gestalterischen Position kaum mehr möglich, ohne einen PhD eine Professur zu bekommen. Und warum? Weil der PhD eine messbare Größe ist, während ein gestalterisches Werk Gutachter/innen braucht. Ein Gerhard Richter würde heute beispielsweise keine Malerei-Professur mehr bekommen, weil er ja „nur“ malt.

Frenzl: Ja, im Hochschulkontext sind wir zunehmend mit tradierten Messgrößen anderer Disziplinen konfrontiert. Und wir müssen aushandeln, ob wir uns an diese Messkategorien anpassen oder erklären wollen, dass diese Kategorien bei uns nicht greifen. Wir haben im Design eine andere Wissenschafts- und Forschungslogik. Es ist wichtig, Design auch in der Forschung als Kultur schaffende und Kultur gestaltende Disziplin zu vermitteln. Das „New European Bauhaus“ ist eine schöne Metapher dafür, aus verschiedenen Disziplinen heraus an einem gemeinsamen Ziel zu forschen und zu arbeiten. Aber das Ziel ist heute die gemeinsam gestaltete Gesellschaft selbst.


„Es ist wichtig, Design auch in der Forschung als Kultur schaffende und Kultur gestaltende Disziplin zu vermitteln.“

— Markus Frenzl


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10 Jahre German Design Award, 10 Jahre Designgeschichte

Wegweisende Gestaltung, exzellente Projekte und Produkte, junge Talente und das Who is Who der Designbranche – seit zehn Jahren zeichnet der Rat für Formgebung mit dem German Design Award herausragende Leistungen aus. In diesem Jahr steht der Award erstmals unter einem Fokusthema: Inspiriert von der Arbeit des visionären Designers und Designtheoretikers Horst Rittel steht er unter dem Motto »Wie Designer denken«: Wie können Lösungen gefunden werden für jene Herausforderungen, für die Rittel in den 1960er Jahren gemeinsam mit Melvin Webber den Begriff der „Wicked Problems“ prägte; Probleme, die unklar, widersprüchlich, volatil oder sogar unlösbar sind – oder nur erscheinen?

In unserer Beitragsreihe möchte wir Persönlichkeiten und Projekte vorstellen, die sich auf ihre Art mit dem Gedanken Rittels auseinandersetzen.

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