Von Thomas Wagner.

Sie vertreiben Langeweile, befreien das Denken und zivilisieren die Menschen: Unter dem Titel „Die blitzenden Waffen“ erkundet der Philosoph Robert Pfaller, weshalb Formen in nahezu allen Bereichen des Lebens unverzichtbar sind.

Sind Sätze, die kraftvoll oder fein ziseliert daherkommen überflüssige Verzierungen? Sind Formulierungen, die vor Witz funkeln, nur unterhaltsame Zutaten, die zur Sache selbst nichts beitragen? Würde das Erkennen ohne bestimmte Form in öder Sachlichkeit erstarren oder vor Langeweile vertrocknen? Braucht es also mehr als Argumente, um das Denken aus seiner Verhaftung im Fraglosen zu befreien? Designer wissen, was es heißt, einer Sache die richtige Form zu geben. Konkrete Ratschläge zur Formgebung finden sich in Robert Pfallers Erkundungen „Über die Macht der Form“ zwar nicht, dafür entwickelt er sie aus einer überraschenden Perspektive, die dem Buch den Titel „Die blitzenden Waffen“ eingebracht hat: Um, so die Behauptung, seine Zuhörer mit einer Rede zu überzeugen, müsse – so lehrt der antike Rhetoriker Quintilian – der Redner „nicht nur mit scharfen Waffen kämpfen, sondern auch mit blitzenden“.

Was bewirkt dieses Blitzen? Kann es sein, dass Argumente allein nicht genügen? Müssen sie in einer Form vorgebracht werden, die ihre Ausstrahlung erhöht? Da sich die Macht der Form in den verschiedensten Bereichen zeigt, fragt Pfaller: „Warum verfangen bestimmte Werbeslogans und andere nicht? Was lässt uns bestimmte Autos lieben – und keineswegs nur diejenigen, die wir am nützlichsten oder qualitativ am hochwertigsten finden? (Und wie muss eine Werbung operieren, um gerade solche zwiespältigen Autos attraktiv erscheinen zu lassen?)“ Oder, auf anderem Terrain: „Was ist es, was einen wissenschaftlichen Titel nicht nur informativ und klar macht, sondern auch die Leser neugierig werden lässt und sie mit Lust auf die Lektüre infiziert – ja vielleicht sogar seiner These erst Relevanz, Plausibilität und Überzeugungskraft verleiht? Was berührt uns an einem bestimmten Kunstwerk, während andere Arbeiten uns kalt lassen? Warum kann eine bestimmte psychotherapeutische Intervention Effekte hervorrufen, während andere, ähnlich gelagerte wirkungslos verpuffen?“

„Warum verfangen bestimmte Werbeslogans und andere nicht? Was lässt uns bestimmte Autos lieben – und keineswegs nur diejenigen, die wir am nützlichsten oder qualitativ am hochwertigsten finden?”

Robert Pfaller

Die Macht der Form

Kurz gesagt: Woran liegt es, wenn etwas wirkt, berührt, überzeugt? Wie hängen Form und Inhalt zusammen; und wann steigern sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung? Solche Fragen sind brisant, werden sie doch nicht nur von Künstlern und Philosophen gestellt, sondern mit Blick fürs Konkrete in Design, Marketing, Medien, Mode und, nicht zu vergessen, in der Politik ständig beantwortet. Auch wenn Pfaller philosophisch an die Sache herangeht, er verliert sich nicht in Abstraktionen. Er geht im Gegenteil davon aus, dass wir als Konsumenten, Freunde und Liebende, als Menschen, die Kunst betrachten, von Design oder Architektur fasziniert sind, als Empfänger von Werbung oder als Beeinflusste von Botschaften in Sozialen Medien die Macht der Form auch dann zu spüren bekommen, wenn wir deren Wirkweisen nicht bemerken oder sie bewusst ausblenden.

Also macht Pfaller sich auf, taucht in Literatur und Wissenschaft ein, holt sich mal Freud, mal Lacan zu Hilfe, um herauszufinden, wie dieses „Blitzen“ zustande kommt und wie es zu bewerten ist, wenn es verfängt. Fühlen wir uns getäuscht, überrumpelt, gar bestochen? Empfinden wir es als ungewollte oder doch vielleicht willkommene Verführung? Oder „als notwendiger, nur scheinbar entbehrlicher Anteil der Vernunft sowie des Lebens selbst?“

Beispiele von Demokrit bis Billy Wilder

Bei alledem wartet Pfaller mit klug ausgewählten Beispielen auf. Indem er Zitate, Argumente und Perspektiven von Demokrit, Montaigne, Pascal, Saussure, Marx, Bachelard und Althusser bis zu Billy Wilder und Slavoij Zizek herbeizaubert, zerlegt er das Thema in vielfarbige Facetten wie ein Prisma das Licht. Es beginnt mit einem „kleinen Parcours durch die verschiedenen Manifestationen eines Formelements in Wissenschaft und Philosophie“, um sich im Anschluss in sechs weiteren Kapiteln zu einem Panorama zu entfalten, das von Höflichkeitsformen über die Filmkomödie und die Mode bis zur zivilisierenden Bedeutung urbaner Umgangsformen reicht. Dabei versteht es Pfaller aufzuzeigen, weshalb Inhalt und Form unbedingt zusammengehören, Relevanz und Wirkung nicht von selbst, sondern erst durch die entsprechende Form entstehen.

Er macht aber nicht nur klar, weshalb die Form keine nur schmückende Zutat ist, er registriert auch ein akutes Problem der Gegenwartskultur und stellt fest: unsere Zeit leidet geradezu an Formvergessenheit. Ablesbar werde das unter anderem an einer Kunst, „die sich allzu sehr der Wissenschaft angleichen möchte“, sich aber nur einem „Zerrbild von Wissenschaft“ anverwandelt; einer Kunst, die ständig an „einen moralischen Konsens“ appelliert, darüber aber vergisst, dass Kunst mehr ist als die Illustration der Meinung ihres Urhebers.

Was auf dem Spiel steht

Pfallers Überlegungen zielen also gerade nicht auf eine griffige Definition des Begriffs der Form ab. Auch treibt den Autor weniger der Ehrgeiz, eine ausgearbeitete Theorie der Form vorzulegen als die Lust, die Bindekräfte von Förmlichkeiten oder das Erschrecken über einen offenbar erlahmenden Formwillen kritisch unters philosophische Mikroskop zu legen. So wird nicht nur in historischen Kontexten deutlich, dass jenseits pointierten Sprechens „die Gefahr der Langeweile“ droht (verstanden als „widerwillige Reaktion des Intellekts auf eine Welt, die ihm nichts zu tun gibt“). Je tiefer man in Pfallers Argumentationen eintaucht und je aufmerksamer man seinen Beispielen lauscht, desto klarer wird, dass Kultur und Zivilisiertheit eher in den Formen zu finden sind als in den Inhalten. Die Form befördert nicht nur auf dem Feld der Wissenschaft das Erkennen und sichert der Kunst ihren Status als Kunst, sie zu wahren, so eine von Pfallers Pointen, ist für das Zusammenleben aller und den sozialen Austausch grundlegend.

Je tiefer man in Pfallers Argumentationen eintaucht und je aufmerksamer man seinen Beispielen lauscht, desto klarer wird, dass Kultur und Zivilisiertheit eher in den Formen zu finden sind als in den Inhalten.

Thomas Wagner über Robert Pfaller

Nachdem er unter anderem mit Billy Wilder und dessen Komödie „Some like it hot“ zwischen „straight line“ und „punch line“ unterschieden, über Roland Barthes Begriffe „studium“ und „punktum“, über Lüge, Wahrheit und die Zähmung der Kunst nachgedacht hat, kommt Pfaller auf den „Geschmack der Stadt“ zu sprechen. Mit Richard Sennett als Zeuge betont er, dass der öffentliche Raum in Europa seit der Renaissance ein Ort gewesen ist, an dem Menschen gerade nicht als authentische Individuen auftreten, sondern Rollen spielen. Erst ein solches „kosmopolitisches Maskenspiel“, das es versteht, untergegangene Illusionen liebevoll zu pflegen und zärtlich an Fiktionen festzuhalten, könne ein Gegenwicht gegen grassierende anti-urbane Kräfte wie Re-Tribalisierung und Infantilisierung bilden. Da freilich alle einander „nicht mehr als Rollen, sondern als (echte oder vermeintliche) Identitäten“ begegnen, „belasten sie einander unentwegt mit dem eigenen Selbst oder dem, was sie dafür halten. So verwundert es wenig, dass sie einander mächtig auf die Nerven gehen.“ In einer „Kultur der Beschwerde“ sind Formen „das solidarische Element“. Sie sind es, die es unterschiedlichen Menschen ermöglichen, „ihre Besonderheiten in gleicher Weise hinter sich zu lassen und in Austausch miteinander zu treten.“



Robert Pfaller
Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form
S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2020
geb. 288 S.,
ISBN: 978-3-10-059035-0
22 Euro

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