Von Thomas Wagner.

Weltweit heißt es derzeit: Bitte Abstand halten! Damit „social distancing“ im Alltag gelingen kann, sind überzeugende Gestaltungsideen gefragt. Das kann charmant ausfallen, an Science Fiction oder an Lösungen aus früheren Zeiten erinnern.

Wer sich heute – selbstverständlich bewehrt mit einer Schutzmaske – im öffentlichen Raum bewegt, kennt das Phänomen: Kommt einem jemand entgegen, schlägt man unwillkürlich einen Bogen umeinander. Sind mehrere Passanten im Spiel, versuchen sie sich geschickt zu umkurven, was manchmal so heiter wirkt wie ein von unbekannter Hand choreografiertes Ballett. Von Indien bis Peru und von Belgien bis Japan gilt derzeit die globale Losung: Bitte Abstand halten! Was aber soll man tun, wenn man nicht in Bewegung bleiben kann? Wie lässt sich, womöglich über Monate, „social distancing“ auch dann durchalten, wenn man wieder längere Zeit mit anderen in einem Raum sitzt – im Restaurant, im Zug, im Flugzeug, im Club oder der Bar?

An gestalterischen Herausforderungen herrscht also kein Mangel. Entsprechend laufen überall die kreativen Köpfe heiß. Es wird überlegt, imaginiert, diskutiert und kommuniziert; Stifte fliegen über Papier oder Bildschirm, bis die nahe Zukunft als Rendering erscheint. Gefragt sind pfiffige Ideen und innovative Lösungen, die sich möglichst schnell umsetzen lassen. Wie immer diese im Einzelnen auch ausfallen, viele haben eines gemeinsam: sie gleichen auf die eine oder andere Weise einem Separee.

Jetzt schon buchbar und empfohlen für Menschen, die im selben Haushalt wohnen: Die Glashäuser des Restaurants Mediamatik Biotoop in Amsterdam © Anne Lakeman, Willem Velthoven für Mediamatic.

Auf charmante Weise Distanz wahren

Selten wirkt ein solches „chambre séparée“ so charmant wie im Restaurant des Mediamatik Biotoop in Amsterdam, wo man geschützt in kleinen Glashäuschen am Wasser sitzen und zusammen speisen kann. Ein andermal kommt es wesentlich profaner daher. Etwa dann, wenn man, als Passagier im Flugzeug, die Reisezeit künftig durch Trennscheiben abgeschirmt von der Nachbarin oder dem Nachbarn in seiner eigenen Sphäre verbringen soll. So schwer der virenbedingte Respektabstand im Einzelfall realisierbar ist, in Restaurants ist das Separee keineswegs etwas Neues: Schon früh haben Kaufleute in kleinen, absonderten Räumen ungestört ihre Geschäfte abgewickelt. Und abgesehen von erotischen Operettenklischees zeugen noch heute abgetrennte Sitznischen von einem, wie es im Französischen heißt, „cabinet particulier“.

Ein Raum im Raum: Alcove Highback, entworfen von den Brüdern Ronan und Erwan Bouroullec, wurde 2007 vorgestellt und hat sich zur Standardausstattung eines modernen Bürokonzepts entwickelt. Wertheim, Köln – Ein Vitra Office Projekt © Vitra.

Neue Arbeitswelten

Überhaupt fällt einem plötzlich wieder ein, auf welch vielfältige und selbstverständliche Art soziale und körperliche Distanz in pandemiefreien früheren Zeiten organisiert war: Telefoniert wurde nicht für jeden hörbar in aller Öffentlichkeit, sondern abgeschirmt in einer Muschel oder Telefonzelle. In Zügen reiste man statt lärmend im Großraumwagen, gern in mehr oder weniger luxuriösen Coupés, die in speziellen Abteilwagen sogar eine eigene Tür zum Ein- und Aussteigen hatten. Oder nehmen wir das Büro: Auch hier vollzog sich eine Entwicklung hin zu effektiver Raumnutzung, die nun wieder in Frage gestellt wird – vom Einzelbüro über den Großraum zum Multispace, in dem Distanz optisch und akustisch durch gläserne Boxen und kabinenartige Sofas, z.B. das Alcove Highback von VITRA, hergestellt wird.

Der Schutzanzug „Micrashell“ von Production Club: eine Vision für das Musik- und Nachtleben und die zwischenmenschliche Interaktion der Zukunft. Fotos: Production Club.

Der Sozionaut trägt Isolieranzug

Soziale und körperliche Nähe – in Zeiten von Covid-19 scheint sie rapide zu schwinden. Zumindest vorerst gehört die Zukunft eindeutig der Distanz. Das Wort „Entfernung“ beschreibt dabei die aktuelle gesellschaftliche Tendenz, alles Entscheidende möglichst körperlos, sprich digital, zu organisieren. Es wird gleichsam zur Pflicht, sich abzukapseln – zuhause im Home-Office, demnächst auch wieder in der Work-Box im Büro. Und, sofern die Pandemie und ihre Folgen das soziale Leben tatsächlich nachhaltig verändern sollten, in Zukunft in ganz anderer Weise vielleicht auch im öffentlichen Leben. Wie weit das gehen könnte, zeigt das auf immersive Events spezialisierte Studio Production Club aus Los Angeles. Dort hat man gleich einen kompletten „PPE suit“ fürs „clubbing“ in Corona-Zeiten entworfen. Der „Micrashell“ genannte futuristische Schutzanzug für den feierbereiten Sozionauten einer von Viren bedrohten Zivilisation versorgt seine Träger mit Getränken, besitzt einen Verdampfer sowie ein Telefon und soll für einen gefahrlosen Besuch von Konzerten und Nachtclubs sorgen.

Von Glashelmen und Gesichtsmasken

Lustiger und weniger bar-ernst gemeint sind da die wahlweise an Goldfischgläser oder Raumanzüge älterer Science Fiction-Comics erinnernden Glashelme von Plastique Fantastique, wunderbar ironisch „iSphere“ genannt. Wem der Auftritt als Captain Future dann doch etwas übertrieben erscheint, dem könnte beim Ausgehen künftig eine jener aufblasbaren Gesichtsmasken vergnügliche Dienste leisten, die MARGstudio, Alessio Casciano Design und Angeletti Ruzza entworfen haben: Die farbenfrohen Helme sind so etwas wie transportable Separees, die es möglich machen sollen, zusammen mit anderen Behelmten nach Lust und Laune zu essen und zu trinken.

Inspiriert von Science Fiction-Comics der 50er-Jahre: das Design „iSphere“ von Plastique Fantastique aus Berlin. Foto © Marco Barotti.

Picknicken nach Maß

Paul Cocksedge geht die Sache wesentlich entspannter und pragmatischer an: Sein „Here Comes the Sun blanket“ definiert nicht nur die notwendige Abstandszone für ein Picknick mit Freunden; es umschreibt auch jenen leeren Bezirk, in dem wir uns, mit oder ohne Corona, begegnen können. Cocksedge bezeichnet den Entwurf treffenderweise als „spielerische Lösung“ für die neue Herausforderung, zwei Meter Mindestabstand zu bemessen. Sein „demokratisches Stück Design“ – wie er es nennt – kann kostenlos heruntergeladen und von jedem nachgebastelt werden.

Zusammen ist man weniger allein: Die Picknickdecke mit Mindestabstand „Here Comes the Sun blanket“ von Designer Paul Cocksedge © Paul Cocksedge.
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