Architektur und Digitalisierung

Datengestützte Entwurfsmethoden und Konstruktionsprozesse sind aus Architektur und Stadtplanung nicht mehr wegzudenken. Aber wohin führt uns die Digitalisierung? Welche Potenziale sind bisher unberücksichtigt geblieben, welche Herausforderungen noch zu adressieren? Und inwiefern ist es denkbar, dass die Tätigkeit des Architekten eines Tages von künstlicher Intelligenz übernommen wird?

Diese und weitere Fragen waren Thema einer Roundtable-Diskussion im Rahmen der Verleihung der ICONIC AWARDS: Innovative Architecture – des internationalen Architektur-Wettbewerbs des Rat für Formgebung. Anlässlich der Preisverleihung 2019 wurde in der Neuen Sammlung München mit folgenden Gästen diskutiert: Linda Stannieder vom Graft Brandlab, Werner Frosch vom Büro Henning Larsen, Peter Haimerl von Peter Haimerl Architektur sowie der Direktor des MIT SENSEable City Lab, Carlo Ratti, die Moderation übernahm Karianne Fogelberg von UnDesignUnit.

Teilnehmer von links nach rechts: Peter Haimerl, Werner Frosch, Karianne Fogelberg, Linda Stannieder und Carlo Ratti

Internet der Dinge

Carlo Ratti erforscht mit einem interdisziplinären Team am MIT in Cambridge, Massachusetts, unter Verwendung von Echtzeitdaten, wie wir unsere Städte bewohnen und gestalten. Er ist der Ansicht, dass wir vor einem Paradigmenwechsel stehen: „Wir befinden uns in einer spannenden Zeit, denn alle Technologien, die unser Leben in den letzten 20 bis 30 Jahren verändert haben, betreten jetzt den physischen Raum. Das Internet wird zum Internet der Dinge und bringt riesige Datenmengen in die Städte, was uns ermöglicht, Raum in einer noch nie dagewesenen Weise zu verstehen.“

Gleichzeitig stellte er klar, dass die immer präzisere Auswertung von Daten nicht allein dazu dienen dürfe, weiteres Wachstum zu fördern und Verkaufszahlen zu steigern, sondern ebenso dazu zu überprüfen, inwiefern sich unsere Städte und Gebäude durch diese Erkenntnisse verändern und sich unsere Leben verbessern ließen.

Von Flugtaxis und digitaler Infrastruktur

Linda Stannieder präsentierte den Entwurf für Lande- und Abflugterminals autonom gesteuerter Elektro-Flugtaxis, Volocopter. Um das Flugtaxi als ein neues Transportmittel zu positionieren, kommt es Stannieder zufolge nicht nur auf die Infrastruktur der Stationen an. Ebenso wichtig sei das nahtlose Einbinden von digitalen Prozessen der Flight Operations: das Check-in mit dem eigenen mobilen Endgerät, das Boarden des Flugtaxis, Fluggastinformationen sowie Soft-Faktoren wie das Schaffen einer Wohlfühlatmosphäre, Vertrauen, Vorfreude aufs Fliegen und Komfort. Dies alles sind neue anspruchsvolle Aufgaben für Architektur und Design.

Voloport © Brandlab, Skyports, Volocopter, GRAFT

Digitalisierung fördert Klima- und Energieeffizienz

Werner Frosch unterstrich, dass Technologie immer avancierter werde, aber auch immer komplexer. Dadurch ergeben sich zwar neue Möglichkeiten, es sei aber immer wichtiger „zu hinterfragen, was die Bedürfnisse sind, denen die Technologie entsprechen kann.“

Für Frosch definitiv ein Vorteil: In Zukunft könne man mit entsprechenden Berechnungen Gebäude besser in das städtische Klima einbetten, indem sie beispielsweise überschüssige Wärme abgeben oder nächtliche Temperaturunterschiede zur Kühlung verwenden.

Als Beispiel nannte er den Masterplan von Henning Larsen für die Stadt Riad in Saudi-Arabien. Dieser berücksichtigt die kühlen Nachtwinde als natürliche Ressource und verwendet somit digitale Messmethoden, erinnert gleichzeitig aber auch an historische Baumethoden, die dieses Prinzip bereits anwendeten. Mit datengestützten Simulationen lassen sich nicht nur die klimatischen Bedingungen im Gebäude präzise voraussagen, sondern auch das Verhältnis zwischen Gebäude und städtischer Umgebung.

Dialektik aus Technologie und Natur

Peter Haimerl zufolge können Algorithmen die Arbeit des Architekten erleichtern und es ermöglichen, manche Projekte kostengünstiger umzusetzen oder überhaupt finanzierbar zu machen. Aber in seinen Augen bleibt es weiterhin unabdingbar, dass Architektur zwischen digitalen Technologien und dem tatsächlichen Raum vermittelt. Sein Entwurf für das Archiv der Zukunft Lichtenfels basiert auf generativen Algorithmen. Diese beruhen auf dem Gen-Code der Weide, aus dem drei künstliche Weiden – realisiert in 3-D-Druck – hervorgehen; deren Äste würden sich über dem Glaspavillon des Gebäudes und einen öffentlichen Platz erstrecken.

Aber ebenso wichtig wie die digitale Entwurfs- und Konstruktionsmethode sei der Wunsch gewesen, dem traditionellen Handwerk des Korbflechtens Referenz zu erweisen, und einen digitalen Stadtplan sowie ein neues Mobilitätskonzept gemeinsam mit den Lichtenfelser Stadtbewohnern zu entwickeln.


City forecast | Scenario planning of the future. © Peter Haimerl . Architektur.

Können künftig Architekten ersetzt werden?

Ob digitale Entwurfstechnologien und künstliche Intelligenz den Architekten ersetzen können, wurde anhand verschiedener Beispiele erörtert. Darunter ein neues digitales Programm, das aus einer Vielzahl an Produkt- und Gestaltungsparametern mit Hilfe von vorprogrammierten Settings ein Messe- oder Ladenkonzept generiert – ganz ohne einen Designer konsultieren zu müssen. Oder eine chinesische Firma, die bei der Bi-City-Biennale Shenzhen bereits mit automatisierten Entwurfsprogrammen arbeitet und nach präzisen Wünschen und Angaben Baupläne generiert, auf deren Basis sofort konstruiert werden kann.

Diese und viele weitere Pilotprojekte stehen den Grenzen von künstlicher Intelligenz gegenüber. „Hätte die Natur auf künstlicher Intelligenz beruht, dann wären wir immer noch einzellige Organismen. Das Ausbrechen aus scheinbar vorgegebenen Mustern ist wesentlicher Bestandteil, um Fortschritte zu erreichen. Vor allem ist es Voraussetzung dafür, gewohnte Denkmuster hinter sich zu lassen und neue Denkwelten aufbauen zu können“, so Haimerl dazu.

Zukunftsfragen der Ethik

Die Diskussion leuchtete abschließend den ethisch noch nicht regulierten Raum aus. Carlo Ratti motivierte in diesem Zusammenhang zum aktiven Diskurs in Wirtschaft und Gesellschaft: „Ich bin mir nicht sicher, ob das die Zukunft ist, die wir wollen, aber ich denke, es ist wichtig, darüber zu sprechen.“

Gestaltung hat sich seit jeher zur Aufgabe gemacht, zur Verbesserung der gestalteten Umwelt beizutragen. Dabei waren immer wieder auch bestimmte Übersteuerungen zu beobachten, die zur Innovationsentwicklung gehören. Aufgabe der nahen Zukunft wird es sein, die angemessenen Leitplanken für den Umgang mit Daten und künstlicher Intelligenz zu definieren. Die ohne Zweifel großen Innovationspotenziale werden sich am besten entlang konkreter Nutzungsszenarien ausloten lassen.

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