Von Thomas Wagner.

Analyse einer Göttin: Roland Barthes sah in der Citroën DS ein magisches Objekt, andere ein profanes, aber gut gestaltetes Gefährt. Der Schweizer Architekt Christian Sumi entfaltet die Geschichte des Designs eines der berühmtesten Automobile des 20. Jahrhunderts.

Was sich von selbst bewegt, fasziniert besonders. Lange erschien das Automobil als Garant freier individueller Mobilität und ultimatives Objekt der Begierde. Was aber bleibt vom Nimbus hochentwickelter Fahrmaschinen, wenn Pferdestärken und Drehmoment, Auspuffröhren, Benzingeruch und jede Menge technisches Raffinement nur noch wenig verfangen? Individualität? Sicherheit? Konnektivität? Praktischer Nutzen? Schönheit gar? Auch wenn sich die automobile Entwicklung nie ganz von ihren Ursprüngen in der Vorstellung einer Allbeweglichkeit Gottes zu lösen vermocht hat, so war die Profanierung des himmlischen Prinzips doch spätestens mit der Massenproduktion nicht mehr aufzuhalten. Zwar herrscht in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kein Mangel an ikonischen Entwürfen, nur einer aber spielte noch einmal ungeniert auf das göttliche Erbe an und zelebrierte die schwebende Schönheit seines irdischen Erscheinens: die (oder wahlweise: der) Citroën DS.

In einer Zeit, in der das einst himmlische Prinzip automobiler Freiheit und Unabhängigkeit zur Belastung, die Gestaltung des Blechs uniformer und Schönheit kaum mehr ein Kriterium aktuellen Automobildesigns ist, begibt sich der Schweizer Architekt Christian Sumi noch einmal ins Archiv der Automobil- und Designgeschichte, um mit der DS die wahrscheinlich letzte „Göttin“ aufzusuchen und ihr das gestalterische Geheimnis ihres Designs und ihres – zumindest bei Autofans – noch immer legendären Rufs zu entlocken. Wie ist die DS entstanden? Was zeichnete ihr Design aus? Was macht ein an sich profanes Objekt bis heute so besonders?

Sakrale Verehrung profanen Blechs

Nicht nur Königen können, wie der Historiker Ernst Kantorowicz mit Blick auf elisabethanische Kronjuristen festgestellt hat, zwei Körper zugeschrieben werden, auch Designobjekten. Zumindest solchen, die eine besonders herausgehobene Stellung einnehmen. So existiert im Fall der DS neben dem endlichen technischen ein gleichsam übernatürlicher Körper, der niemals stirbt, weshalb aus dem extravaganten, 1955 vorgestellten Modell nicht nur wegen der Homophonie der Typenbezeichnung eine veritable „Déesse“ und ein Mythos werden konnte.

Auch in Christian Sumis Buch The Goddess – La Déesse, Investigations on the Legendary Citroën DS“ (Lars Müller Publishers) offenbart sich die enorme Spannung zwischen dem profanen Blech und seiner fast sakralen Verehrung, zwischen irdisch-endlicher Technik, überirdischer Schönheit und himmlisch-ewiger Göttlichkeit. Es versteht sich von selbst, dass auch Sumi gleich zu Beginn seiner Untersuchung Roland Barthes zitiert. Der Zeichendeuter hatte in seinen zwischen 1954 und 1956 jeweils aus aktuellem Anlass geschriebenen und 1957 unter dem Titel „Mythologies“ als Buch erschienen „Überlegungen zu einigen Mythen des französischen Alltagslebens“ auch den damals neuen Citroën einbezogen und unter anderem geschrieben: „Die ,Déesse‘ besitzt sämtliche Merkmale (…) eines jener Objekte, die aus einer anderen Welt auf uns gekommen sind (…).“

Analyse anhand von Studioaufnahmen

Sumi geht bei seiner Darstellung wesentlich irdischer und pragmatischer vor. Er beginnt seine Analyse auf der Basis einer Serie von Studioaufnahmen, die Michel Zumbrunn von zwei Exemplaren des Modells (einem ID 19 von 1959 und einem DS 23 von 1973) gemacht hat. Sodann dokumentiert er (fotografiert von Heinz Unger) die systematische Zerlegung eines weiteren Exemplars – und endet, nachdem er über die Homogenisierung der Form sowie einige ihrer semantischen Aspekte nachgedacht und auf die geniale Werbung für die DS hingewiesen hat, mit einem Besuch auf dem Autofriedhof.

Sein Interesse gilt dabei mehr den formalen Aspekten des Designs, weniger seinen kulturhistorischen oder gar mythischen Wirkungen. Ganz klar wird dem Leser deshalb nicht, ob hier nur streng durch die design-analytische Brille geschaut oder ein Mythos der Automobilgeschichte als Fetischobjekt dekonstruiert werden soll.

Design, Medienzirkus, Mythos

Der legendäre Status des DS beruht auf drei Dingen: dem Design von Flaminio Bertoni, dem Medienzirkus, der ihre Enthüllung im Jahr 1955 umgab, und –  zumindest in Frankreich – dem Umstand, dass Roland Barthes das Auto in seine Sammlung von Alltagsmythen aufgenommen. Als „humanisierte Kunst“ bezeichnete er das Modell und glaubte, in ihm einen „Wendepunkt in der Mythologie des Automobils“ zu erkennen. Auch wenn sich der Leser zuweilen fragt, welchen Begriff von Design der Autor seiner Untersuchung zu Grunde legt, so besticht diese doch durch ihre Detailgenauigkeit und durch das fotografische und historische Material, das sie großzügig ausbreitet – allem voran im Kapitel „Advertising“.

Wer die DS auf einer Anzeige wie den zur Zeitmaschine umfunktionierten DeLorean in „Zurück in die Zukunft“ über einer staunenden Kleinfamilie schweben sieht, die Kombination aus farbigen Autotüren und kontrastreich gekleideten Damen bestaunt oder die Hinweise auf die hydropneumatische Federung und das Kurvenlicht verfolgt, der ahnt, wie überirdisch und revolutionär den Zeitgenossen die Kombination aus Aerodynamik und Hydropneumatik erscheinen musste und wie deutlich die ästhetische Differenz zu anderen Wagen der Zeit ausfiel.

Die Phänomenologie der exakten Passung

Sumi untersucht den Wagen nicht als Fahrmaschine, sondern als ruhendes Designobjekt auf der Grundlage einfacher Begriffspaare wie steigend – fallend, offen – geschlossen, statisch – dynamisch, vorne – hinten, über – unter, Expansion und Kontradiktion, fließend – unterbrochen usw. Die Entwicklung des in der DS mündenden Designs wird an Skizzen aerodynamischer Konturen festgemacht, die Bertoni 1938 über Zeichnungen der Seitenansicht eines Traction Avant von 1934 gelegt hat. Aufnahmen von Karossen und Modellvarianten wie der offenen DS 21 convertible von 1966 oder zum Vergleich bestimmter Designelemente herangezogener Fahrzeuge wie Raymond Loewys Stutebaker Commander Starliner erfreuen ebenso wie die eingehende Analyse von Linienführung, Fugen und Passungen.

Letztere wurden schon von Barthes gepriesen, weshalb es bei ihm heißt, mit der DS beginne eine „neue Phänomenologie der exakten Passung, so als ginge man von einer Welt verschweißter Bauteile über in eine Welt fugenlos gefügter Elemente, die ihren Zusammenhalt einzig der Kraft ihrer wunderbaren Form verdanken, was natürlich die Vorstellung einer unbeschwerteren Natur wecken soll“.

Auch wenn Sumi darauf verweist, das Auto könne in verschiedenen Registern begriffen werden, seine Form erzeuge ein „semantisches Vakuum“, so hätte man sich hier und da doch eine eingehendere und in ihrer Semantik weiter gefasste Diskussion gewünscht. Ein Beispiel: Wenn die hinteren, die Dachkante verlängernden und akzentuierenden Blinker als „Booster“ bezeichnet und mit den am Rumpf einer Caravelle (von 1960) unter dem Leitwerk positionierten Strahltriebwerke verglichen werden, und überdies erwähnt wird, dass die Blinker auch „Trompeten von Jericho“ genannt wurden, so wäre dies im Kontext einer Mythologie nicht allein des Automobils und des beginnenden Weltraumzeitalters eigens zu interpretieren.

Im letzten Kapitel wird die Göttin dann vollends profaniert. All dem Talmiglanz der Werbung und all ihrem Fetischcharakter entkleidet, bleibt von ihr nur rostiges, verbeultes Blech. Alle Eleganz ist dahin, die Natur erobert das Kunstobjekt zurück. Ihr irdischer Körper mag vergehen, die Automobilgeschichte sich weiterdrehen – Faszination und Magie der DS bleiben.


Christian Sumi
The Goddess – La Déesse
Investigations on the Legendary Citroën DS
Mit Fotografien von Michel Zumbrunn, Heinz Unger
Design: Karin Schiesser
232 Seiten, 198 Abbildungen
Harcover, English
Lars Müller Publishers 2020
ISBN 978-3-03778-626-0,
35,00 Euro

Print Friendly, PDF & Email