Die französische Designerin und Architektin Charlotte Perriand hat leidenschaftlich für die Moderne gestritten und eine Kunst des Wohnens in nüchternen Räumen erprobt. Eine Dokumentation auf Arte lässt sie selbst zu Wort kommen und skizziert ihre Biografie – von der Zusammenarbeit mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret über ihre Entdeckung der Kultur Japans bis zu Projekten wie dem Wintersport-Resort Les Arcs.

Von Thomas Wagner.

Die französische Designerin und Architektin Charlotte Perriand prägte das Design und die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts.
Die französische Designerin und Architektin Charlotte Perriand prägte das Design und die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. © AChP. Foto: ARTE France

„Berühmt geworden durch ihre Zusammenarbeit mit dem Stararchitekten Le Corbusier, stand sie für eine eigene Avantgarde und schuf Zeit ihres Lebens revolutionäre Möbelstücke, die längst Kultstatus genießen.“ Was zu Beginn des Films von Stéphane Ghez wie eine Ansammlung von Klischees klingt, entwickelt sich zum Porträt einer faszinierenden und lebenslustigen Kämpferin für die Moderne. Charlotte Perriand (1903 bis 1999) sitzt bei Schneetreiben in ihrem Chalet, feilt an ihrer Autobiografie und erzählt, wie „alles ins Rollen kam“. Nach einer Blinddarmoperation entdeckt die Zehnjährige im Kinderspital, wie sehr ihr der kahle, weiß getünchte Raum entspricht. „Wieder daheim war mir das Wirrwarr aus Möbeln und Krimskrams derart zuwider, dass ich losheulte. Die nüchterne Kargheit des Krankenhauses entsprach mir viel mehr. Hier entdeckte ich unbewusst die Leere. Sie ist allmächtig, weil sie alles enthalten kann.“

Das kahle Krankenhauszimmer und die in und aus der Leere entstehenden Möglichkeiten – mit feiner Ironie hat Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ zu Ulrichs Unschlüssigkeit, wie er sich einrichten sollte, und zum tabula rasa der Moderne festgestellt: „Was sollte er wählen? Der moderne Mensch wird in der Klinik geboren und stirbt in der Klinik: also soll er auch wie in einer Klinik wohnen! – Diese Forderung hatte soeben ein führender Baukünstler aufgestellt, und ein anderer Reformer der Inneneinrichtung verlangte verschiebbare Wände der Wohnungen, mit der Begründung, dass der Mensch dem Menschen zusammenlebend vertrauen lernen müsse und nicht sich separatistisch abschließen dürfe.“ Beides, Räume so clean wie in der Klinik, und verschiebbare Wände, sollte auch auf Perriands Programm stehen.

Mademoiselle, wir besticken hier keine Kissen

Ihr mehrjähriger Japan-Aufenthalt war für Charlotte Perriand ein Kulturschock, aber auch eine Quelle neuer Inspiration.
Ihr mehrjähriger Japan-Aufenthalt war für Charlotte Perriand ein Kulturschock, aber auch eine Quelle neuer Inspiration. © AChP. Foto: ARTE France

Sie erzählt, wie sie, gerade einmal 24 Jahre alt, 1927 ins Atelier von Le Corbusier in Paris marschierte und dem Meister ihre Entwürfe zeigte, um sich als Architektin vorzustellen. Der schaute sich alles an und sagte dann: „Mademoiselle, wir besticken hier keine Kissen?“ Nach dem Pariser Herbstsalon im Grand Palais, auf dem sie eine „Bar unterm Dach“ zeigt, revidiert Corbu sein Urteil und stellt die junge Frau ein. „In diesem Büro“, sagt sie, „wurde ich neu geboren, wirklich!“ Zehn Jahre wird sie im Büro von Le Corbusier Corbusier bleiben. Dann wird sie politisch und künstlerisch ihren eigenen Weg gehen.

Selbstbewusst badet die junge Frau in der prickelnden Energie der années vingt, lernt Charleston, bewundert Josephine Baker, trägt Bubikopf und lässt sich eine Kette aus verchromten Kugeln anfertigen, ihr, wie sie es nennt, „Kugellager“ – in seiner Industrieästhetik eine Provokation. Die Moderne nimmt Fahrt auf. In ihrer Wohnung hängt ein Automobilscheinwerfer über ihrem aus Materialien des Automobilbaus gefertigten Ausziehtisch. Die Richtung ist klar: Nichts wie raus aus dem klassischen Salon!

Besonders spannend macht den Film, Charlotte Perriand immer wieder selbst über ihr Leben sprechen zu hören. Die vielen historischen Schwarzweiß-Aufnahmen, vielfältiges Archivmaterial und zum Teil unveröffentlichte Tonaufnahmen, all das trägt dazu bei, dass nicht nur ein Erinnerungstagebuch entsteht, sondern Perriands Zeitreise in den historischen Ereignissen verankert wird.

Möbel für die Wohnmaschine

Im Büro von Le Corbusier übernimmt Charlotte 1928 zunächst die Aufgabe, die Innenarchitektur der Villa Savoy zu entwickeln. Sie entdeckt den Stahlbeton und Corbusiers Vorstellung von einer Wohnmaschine. In einem nüchternen weißen Kasten ist auch das Mobiliar aufs Wesentliche reduziert. Auf der Suche nach etwas Passendem für die neuartigen Räume, gibt ihr Corbu Skizzen von neun Sitz-oder Liegegelegenheiten an die Hand – und sie macht sich an die Arbeit. Ihr wichtigstes Hilfsmittel ist eine Gliederpuppe. „Nichts“, sagt sie, „ist schwieriger als ein Sitzmöbel. Jeder Strich hat etwas zu bedeuten: eine Form, eine Funktion, ein Material, einen Preis!“ Sei all das definiert, komme eine weitere Dimension hinzu: die Beziehung zwischen Objekt und Mensch.

Nach und nach entstehen – mal mehr, mal weniger in Zusammenarbeit mit Corbusier und dessen Büroleiter, seinem Cousin Pierre Jeanneret, bis heute berühmte Stühle, Sessel und Sofas, einschließlich der außergewöhnlichen Chaiselongue (B306). Das Trio präsentiert seine Stahlrohrmöbel 1929 auf dem Pariser Herbstsalon. „Es hieß“, so Charlottes Kommentar, „wir würden Krankenhausmöbel machen.“ Mit einem Lächeln fügt sie hinzu: „Wir haben Ludwig XVI geköpft, doch wir produzieren munter weiter Esszimmer im Stil Heinrich IV oder Schlafzimmer à la Marie Antoinette.“

An solchen Stellen wird der Bruch besonders deutlich, den die moderne Architektur und Innenarchitektur mit der Tradition vollzogen hat. Der Film vermittelt einen anschaulichen Überblick über Perriands Antriebe und Perspektiven, über ihre Ansätze, Experimente und die Entwicklungsschritte ihres Schaffens. Das Ganze ist eine ebenso gelungene wie anregende Einführung in ihr Werk.

Die umkämpfte Moderne

Charlotte Perriand war eine unermüdliche Streiterin für die Moderne, deren Einfluss weit über die Welt des Designs hinausgeht.
Charlotte Perriand war eine unermüdliche Streiterin für die Moderne, deren Einfluss weit über die Welt des Designs hinausgeht. © AChP. Foto: ARTE France

Ende der Zwanzigerjahre ist die Moderne umkämpft. Perriand organisiert als ein Instrument die Gründung der UAM, der Union Artistes Modernes: „Ohne mich“, sagt sie selbstbewusst, „wäre das nicht zustande gekommen. Es war immer ich, die kämpfte.“ Doch auch für sie ist die Moderne nach dem Börsenkrach von 1929 nicht mehr dieselbe. Statt in der Fabrik sucht sie, von Kind an von den Bergen Savoyens fasziniert, nun Inspiration in der Natur. Mit Pierre Jeanneret (die beiden habe ihre Liebe zueinander entdeckt, was Corbusier verletzt und schließlich zum Ausscheiden Perriands aus dem Atelier führt) fährt sie an den Wochenenden von Paris an die Küste der Normandie, sammelt Steine, Knochen, allerlei Fundstücke und fotografiert sie. Eine Freundschaft verbindet sie mit dem Maler Fernand Léger. „Es war Art Brut in Vollendung.“ Die Folge: Ihre Formen werden organischer, sie verwendet natürliche Materialien und setzt auf Handarbeit.

In den 1930er-Jahren engagiert sie sich politisch, entwickelt architektonische Basismodule von gerade einmal 14 Quadratmeter, kämpft für die Demokratisierung der Freizeit, erfindet Bausätze für Wochenendhäuser, ein Biwak und die berühmte Fasshütte für alpine Sportler. Bei der Weltausstellung 1937 in Paris wirft die totalitäre Architektur ihre Schatten voraus. Nicht mehr an das Atelier Cobusiers gebunden, erhält sie schließlich eine Einladung nach Japan. Zwei Tage vor dem deutschen Einmarsch verlässt sie Paris. In Japan angekommen, fasziniert sie die traditionelle Architektur; im Maß der Tatami-Matte entdeckt sie eine konsequente Form der Standardisierung. Zugleich erlebt Charlotte ein Japan im Umbruch. Dann holt sie der Krieg ein. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour und dem Eintritt Japans in den Krieg, muss sie das Land verlassen. Sie entscheidet sich, nach Indochina zu gehen. Erst 1946 kehrt sie nach Frankreich zurück. Im Alter von 40 Jahren hat sie in Hanoi einen Offizier der französischen Marine geheiratet und ihr Töchterchen Pernette zur Welt gebracht. Ab 1947 arbeitet sie an der Inneneinrichtung von Corbusiers Cité radieuse in Marseille mit und betreibt die Befreiung der Frau, die nun berufstätig ist, aus dem Gefängnis der Küche. Von den Erfahrungen, die sie in der „Wohnmaschine“ gesammelt hat, profitiert sie ebenso wie von ihrer Philosophie der Minimalbehausung, als sie sich Ende der 1960er-Jahre am Entwurf von Hotels und Wohnungen im Wintersport-Resort „Les Arc“ in den französischen Alpen beteiligt.

Eine Ethik des 21. Jahrhunderts

Sie, die sich für die Kraft der Leere, für die Befreiung der Frau, günstigen Wohnraum, die Freizeitgesellschaft und Möbel zum Selbstmontieren eingesetzt hat, denkt am Ende des Films über eine Ethik der 21. Jahrhunderts nach, die nach der Jahrtausendwende noch an Aktualität gewonnen hat: „Wir dürfen nicht vergessen“, sagt sie, „es geht nicht um das Objekt, es geht um den Menschen. Es geht nicht um das Gebäude, sondern um den Menschen darin. Wie wird er leben? Die neuen Technologien übersteigen unseren Horizont, doch eröffnen auch strahlende Aussichten. Unter der Bedingung, dass wir uns nicht versklaven. Damit will ich sagen: Zu leben heißt leben zu lassen, was in uns ist. Das dürfen wir nie vergessen.“


Die französische Designerin und Architektin Charlotte Perriand prägte das Design und die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts.

Charlotte Perriand – Pionierin des Alltagsdesigns

Regie Stéphane Ghez
Dokumentation 53 Min.
Frankreich 2018

TV-Ausstrahlung
Sonntag, 21. November 2021 um 16.10 Uhr
Samstag, 11. Dezember 2021 um 05.05 Uhr
Online verfügbar bis 19. Januar 2022

Zum Film in der ARTE-Mediatek


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