Innovationen legen das Fundament für eine bessere Zukunft. Dabei durchdringt eine neue Entwicklung nicht selten mehrere Lebensbereiche und verändert gesellschaftliche Rahmenbedingungen, sei es beispielsweise in der Mobilität, der Gesundheit oder der Kommunikation. In der kommenden Woche – am 26. Mai 2020 – veröffentlicht der Rat für Formgebung die Gewinner seines internationalen Innovationswettbewerbs German Innovation Award 2020, bei dem Innovationen aus 40 Kategorien ausgezeichnet werden.

Im folgenden Essay erörtert Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung, das Thema Innovation an der Schnittstelle von Ökologie und Wirtschaft. Der Beitrag erscheint im Katalog des German Innovation Award 2020.


Für eine datengestützte ökologische Wende

von Lutz Dietzold.

Im Februar diesen Jahres gingen binnen weniger Wochen eine Reihe von Konzernen mit beeindruckenden ökologischen Maßnahmenpaketen an die Öffentlichkeit. Eine kleine Auswahl: Delta Airlines will in den nächsten zehn Jahren eine Milliarde Dollar für klimafreundliche Technologien wie die Entwicklung neuer Biotreibstoffe investieren. Jeff Bezos von Amazon sagt 10 Milliarden Dollar für die Bekämpfung des Klimawandels zu, bis 2030 sollen 50 Prozent der Lieferungen des Onlineversandhändlers CO2-neutral ablaufen. Noch ambitionierter ist Microsoft: Das Unternehmen will bis 2030 eine negative Kohlenstoffbilanz aufweisen, also mehr CO2 aus der Atmosphäre binden, als es emittiert. Damit nicht genug will Microsoft bis 2050 für seine gesamte Unternehmensgeschichte ab 1975 kohlenstoffnegativ sein. Auch wenn man die Bemühungen bei weitem nicht allen Konzernen gleichermaßen abkauft, ist die Summe dieser Entscheidungen verblüffend.

Sie hängen dabei wohl direkt mit dem folgenden Statement zusammen: »Der Klimawandel ist zu einem bestimmenden Faktor für die langfristigen Aussichten von Unternehmen geworden. Im vergangenen September, als Millionen von Menschen auf die Straße gingen, um Maßnahmen gegen den Klimawandel zu fordern, betonten viele von ihnen die erheblichen und dauerhaften Auswirkungen, die dieser auf das Wirtschaftswachstum und den Wohlstand haben wird – ein Risiko, das die Märkte bisher nur langsam widerspiegeln.«

Das Zitat stammt nicht von einer Umweltorganisation oder den jungen Aktivisten von Fridays For Future, sondern von Larry Fink. Fink ist Geschäftsführer von BlackRock, der weltweit größten Fondgesellschaft. Der US-amerikanische Konzern verwaltet ein Vermögen von grob gerundet 6,5 Billionen Dollar.

Eine grüne Vision darf sich nicht in romantischen Vorstellungen vergangener Zeiten verlieren. In unserer komplex vernetzten Welt ist die ökologische Wende datengestützt und mittels künstlicher Intelligenz abgestimmt.

Fink besitzt damit einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf alle wichtigen multinationalen Konzerne. Die Briefe, die er immer im Januar an die CEOs dieser Welt verschickt, sind legendär. In seinem Aufruf für 2020 fährt er folgendermaßen fort: »Wir werden zunehmend bereit sein, gegen das Management und die Vorstandsmitglieder zu stimmen, wenn die Unternehmen keine ausreichenden Fortschritte bei der Offenlegung von Nachhaltigkeitsaspekten und den ihnen zugrunde liegenden Geschäftspraktiken und -plänen machen.«

Können unkonventionelle Vorstöße wie der Brief von Larry Fink tatsächlich derart disruptiv wirken, dass sich das System nachhaltig wandelt? Fest steht: Eine grüne Vision darf sich nicht in romantischen Vorstellungen vergangener Zeiten verlieren. In unserer komplex vernetzten Welt ist die ökologische Wende datengestützt und mittels künstlicher Intelligenz abgestimmt.

Potenziale der Digitalisierung sinnvoll nutzen

Die Auswirkungen dieser digitalen Entwicklungen spüren wir längst. Das Internet der Dinge (IoT) drängt in unser Leben. Das Phänomen wird im Alltag manchmal auf das »Milch im Kühlschrank«-Problem reduziert: ein intelligenter Kühlschrank bestellt Nahrungsmittel, die zur Neige gehen, automatisch beim Online-Händler nach. Dabei führt IoT nicht nur zu einer (mal mehr, mal weniger) sinnvollen Erleichterung des täglichen Konsumentenlebens – die damit verbundene Transformation ist fundamental und gerade dabei, alle Bereiche der Industrie, der Agrarwirtschaft und des Dienstleistungssektors zu durchdringen. Nehmen wir die Bauindustrie als Beispiel. Wie überall sind hier Informationen der Schlüssel zum Erfolg.

Die mit IoT verbundene Transformation ist fundamental und gerade dabei, alle Bereiche der Industrie, der Agrarwirtschaft und des Dienstleistungssektors zu durchdringen.

Um den Bauprozess zu optimieren, ist es entscheidend, die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines bestimmten Ereignisses bei einer komplexen Kombination von Faktoren zu berechnen. Ganz konkret geht es beispielsweise um die Beurteilung der Druckfestigkeit von Beton auf der Baustelle: Musste diese bisher in langwierigen analogen Verfahren eruiert werden, können heute mit smarten Prüfgeräten auf Grundlage der relevanten Parameter vor Ort präzise Daten in Echtzeit generiert werden. Die Überwachung aller Prozesse und die damit verbundenen Erkenntnisse schlagen ein ganz neues Kapitel in der Konzeption, Planung und Konstruktion von Großprojekten auf. Das Innovationspotential ist nicht nur im Bauwesen enorm, und dabei oftmals sowohl ökonomisch und ökologisch sinnvoll.

Wirtschaft ganzheitlich denken

Eine weitere Revolution findet derweil tagtäglich in unserer Handfläche statt. Das Smartphone ermöglicht nicht nur ungeahnte Formen der Kommunikation, es verändert auch die Art und Weise, wie wir uns in der Welt bewegen – oder unsere Finanzen verwalten. Der persönliche Kontakt mit der traditionellen Bank verliert an Bedeutung, stattdessen sind mobiles Banking, digitale Finanzdienstleistungen (FinTechs) und Versicherungsservices (InsurTechs) auf dem Vormarsch. Während diese Angebote marktorientiert funktionieren, umfassen GovTechs einen viel breiteren Katalog von Maßnahmen, die darauf abzielen, den öffentlichen Sektor innovativer und agiler zu machen – und damit die Entwicklung im nicht mehr ganz so jungen 21. Jahrhundert voranzutreiben.

Durch die Digitalisierung der Verwaltung halten neue Technologien an allen wichtigen Schaltstellen unseres Lebens Einzug und werden dabei naturgemäß zu Datenerhebungen führen. GovTechs werden in unserem Leben daher künftig sicher wachsende Bedeutung haben, wobei trotz des unzweifelbaren Nutzens auch die Frage nach den Grenzen der Datentransparenz zu diskutieren sein wird. Gleichzeitig erfreuen sich Kryptowährungen zunehmender Beliebtheit, die im Stande sind, das staatliche Monopol des Geldwesens zu unterwandern. Wir leben in spannenden Zeiten, und der Ausgang ist ungewiss.

Der persönliche Kontakt mit der traditionellen Bank verliert an Bedeutung, stattdessen sind mobiles Banking, digitale Finanzdienstleistungen (FinTechs) und Versicherungsservices (InsurTechs) auf dem Vormarsch.

Für mich gilt deshalb als die größte Aufgabe unserer Gegenwart: Die Potenziale und die neu aufgeworfenen Fragen von Big Data und künstlicher Intelligenz mit den langfristigen Problemlagen der Klimakrise konsequent zusammenzudenken. Diese Aufgabe kann nur gelingen, solange wir uns – es kann leider nicht mehr als selbstverständlich gelten – im Rahmen demokratischer Gesetzgebung und auf Basis internationaler Absprachen auf den zu gehenden Weg gemeinsam einigen.


Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung

Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung © Lutz Sternstein

Lutz Dietzold (*1966) ist seit 2002 Geschäftsführer des Rat für Formgebung. Er studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Germanistik in Frankfurt. Nach selbstständiger Tätigkeit im Bereich der Designkommunikation für nationale und internationale Kunden folgten Aufgaben als Geschäftsführer des Deutschen Werkbund Hessen sowie als Geschäftsführer des hessischen Designzentrums, wo er die strategische Neuausrichtung der Designförderung verantwortete.

Seit 2011 ist er stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Deutsches Design Museum und Beiratsmitglied der Mia-Seeger-Stiftung. Lutz Dietzold veröffentlicht regelmäßig Beiträge und hält national und international Vorträge zu einer Vielzahl von Themen rund um Design. Zudem ist er Mitglied in zahlreichen Jurys sowie im Projektbeirat des Bundespreis Ecodesign des Bundesumweltministeriums.

Print Friendly, PDF & Email