Kunstmuseum Wolfsburg
John Gerrard, Western Flag (Spindletop, Texas), 2017, Simulation, Dimensionen variable, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Courtesy der Künstler und Pace Gallery

John Gerrards „Western Flag“ markiert Anfang und Ende der petromodernen Ära. Die digital generierte schwarze Flagge aus zerstäubtem Rohöl stellt drängende Fragen zur Neuordnung der Welt. Automobile, Ölheizungen, Flugzeuge, Panzer und Weltraumraketen, Autobahnen, Shopping Malls und Vorortsiedlungen, Nylonstrümpfe und Plastikberge – Materialien und Technologien, Lebensweisen und Visionen unserer Zeit verdanken sich vielfach der Energiedichte und Wandelbarkeit von Erdöl. Kein anderer Stoff hat das Leben im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert so tiefgreifend geprägt wie das „schwarze Gold“. Inzwischen zeichnet sich das Ende des „Ölzeitalters“ ab, auch wenn der genaue Zeitpunkt nicht feststeht und die Folgen noch nicht annähernd abgeschätzt werden können.

Im Kunstmuseum Wolfsburg wirft die Ausstellung Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters bis zum 9. Januar 2022 „einen spekulativen, poetischen Blick zurück auf die seit rund 100 Jahren andauernde Gegenwart der Erdölmoderne“. Aus der Distanz einer hypothetischen Zukunft wird danach gefragt, was an dieser unserer Zeit typisch, was großartig und schön, was hässlich und furchtbar gewesen ist – und wie sich all das in Kunst und Kultur widerspiegelt. Grundlegend sei dabei die Beobachtung eines tiefen Zwiespalts: Benzin und Kerosin, Plastik, Asphalt und Kunstfasern standen im Erdölboom der 1950er- und 1960er-Jahre für Versprechen wie unbegrenzte Mobilität, individuelle Freiheit und uneingeschränkte Wandlungsfähigkeit. Heute hingegen verbindet man mit ihnen globale Verteilungskämpfe und Müllberge, Klimaerwärmung, Meeres- und Luftverschmutzung.

In der Schau werden künstlerische Arbeiten denn auch mit Naturwissenschaft und Technik, Politik und Alltagsleben, mit Wissen, Praktiken und Apparaten aus Chemie, Bohrwesen und Geologie, aus Arbeitsalltag und Popkultur, aus Industrie und Kulturtheorie konfrontiert. Bekannte und weniger bekannte künstlerische Werke aus dem Kanon der westlichen Moderne, aber auch aus Ölregionen rund um den Globus, werden „im schwarzen Spiegel des Öls“ neu betrachtet und mit aktuellen künstlerischen Positionen in Beziehung gesetzt. Die „weltweit erste Retrospektive der weltumspannenden Erdölmoderne“ wurde von Alexander Klose und Benjamin Steininger initiiert, bis 2018 zusammen mit Ralf Beil, dem damaligen Direktor des Kunstmuseums, vorbereitet und anschließend gemeinsam mit dem aktuellen Direktor Andreas Beitin kuratiert.

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