Von Thomas Wagner.

Alles andere als Schnitzwerk aus den Bergen: Der Band „Design from the Alps“ basiert auf einer umfangreichen Recherche und bietet einen spannenden Überblick über 100 Jahre Design aus der Region Tirol – Südtirol – Trentino.

Im März 1915 fordern Giacomo Balla und Fortunato Depero in ihrem Manifest „Die futuristische Rekonstruktion des Universums“, dieses müsse komplett neu erschaffen, dem Leben mehr Freude eingeflößt werden. Kino, Theater, Musik, Tanz, Architektur, Mode, Design und Werbung – alles sollte umgekrempelt werden. 1919 kehrt Fortunato Depero mit seiner Frau Rosetta Amadori aus Rom nach Rovereto zurück und eröffnet in der Via Vicenza sein erstes kleines Versuchslabor, um die Ideen des Manifests von 1915 umzusetzen: das „futuristische Kunsthaus Depero“. 1920 zieht er in ein geräumigeres Haus in der Via 2 Novembre um und benennt sein Atelier um. Fortan heißt es „Haus des Magiers“. Hier malt er Bilder und entwirft Bühnenbilder, hier schreibt er Artikel, stellt Wandteppiche und Kissen, Möbel und Spielzeug her. Im Rückblick erweist sich Deperos Beitrag zur Entstehung eines umfassenden Konzepts von Design geradezu als bahnbrechend.

Solide lokal verankert: 100 Jahre Design-Entwicklung

Depero stammt aus einer Region, in der sich gut beobachten lässt, wie fruchtbar der Austausch zwischen Zentrum und Peripherie wirken kann. Der rastlose Weltgeist umrundet den Globus ja nicht, ohne in bestimmten Gegenden Quartier zu beziehen. Erst lokale Verbindungen, Prägungen durch Familie und die Verankerung in gewachsenen kulturellen Traditionen führen zu konkreten Ergebnissen und verleihen diesen ein unverwechselbares Aroma. Man sollte den Titel „Design from the Alps“ deshalb nicht missverstehen. Der Band zielt nicht auf rustikale Handwerkskunst oder Schnitzwerk aus entlegenen Bergtälern. Was er vorstellt ist das Ergebnis einer umfassenden Recherche, die Ende 2019 in einer großen Werkschau von Kunst Meran über 100 Jahre Design-Entwicklung in der europäischen Region Tirol – Südtirol – Trentino mündete.

Das Projekt, so Georg Klotzner, der Präsident von Kunst Meran in seinem Vorwort, nehme „das historische Tirol mitsamt den Bewegungen seiner Protagonisten zwischen Inntal und Etschtal, zwischen Ausbildungs- und Wirkungsstätten in Wien, München, Venedig und Mailand“ in den Blick. Nie zuvor sei das Gebiet zwischen Kufstein und Borghetto hinsichtlich seines Potenzials in Sachen Produktdesign so gründlich untersucht worden wie in der interdisziplinären Zusammenarbeit von Kunst Meran, der Nuova Accademia di Belle Arti (NABA) in Mailand und der Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen.

Autocaravan Laverda, Serie Blu, Studio Nizzoli Sistemi, 1974. Firmen-Archiv.

Unternehmerische Erfolgsgeschichten

Tatsächlich blättert und liest man staunend, was hier alles ausgegraben wurde, welche Entwürfe und Produkte zum Vorschein gekommen sind, wie viele herausragende Gestalter aus dieser Region stammen, welche innovativen Designs in den letzten 100 Jahren hier entstanden sind und welche unternehmerischen Erfolgsgeschichten geschrieben wurden. Es ist denn auch kein Zufall, wenn Massimo Martignoni, einer der Kuratoren, zu Beginn des zentralen Textes eine der legendären Gestalten des italienischen Designs zitiert: Ettore Sottsass. Dieser notierte über sich: „Sie sagen, dass mein Vater mir einen Stift in die Hand drückte, kaum dass ich geboren war (in Innsbruck in der Sterngasse). Er wollte, dass ich Architekt werde, und mit dem Stift wollte er dem Schicksal auf die Sprünge helfen.“

Keine Frage, es hat geklappt. Marco Zanini, einer der Gründer von Memphis, der jahrelang mit Ettore Sottsass jr. zusammengearbeitet hat, erklärt den Zusammenhang: „Ettore betrachtete sich als Trentiner“ – auch wenn seine Kontakte mit dem Trentino kurz und selten gewesen seien. Sein Vater, Ettore Sottsass sr., 1892 in Nave San Rocco geboren und 1953 in Turin gestorben, war nicht nur selbst Architekt und eine Integrationsfigur der österreichischen und italienischen Kultur, der sich seine alpine Herkunft zunutze machte, auch die Orte und Lebensdaten seines Sohnes – geboren 1917 in Innsbruck und gestorben 2007 in Mailand – entsprechen nahezu dem zeitlichen Rahmen des Unternehmens „Design from the Alps“.

Reger Austausch mit den Zentren

Es sind die mannigfachen Verbindungen, aber auch die kulturellen Unterschiede zwischen der eher ruhigen Region an der Peripherie und den nervösen Zentren, die produktiv werden lassen. Der Leser erfährt von Objekten, Erfindungen und mehr oder weniger geglückten Experimenten, die allesamt, so Martignoni, „aus einem sich gegenseitig bereichernden Gebiet stammen, das zwischen zwei unterschiedlichen, aber miteinander kommunizierenden Kulturen eingebettet ist und somit eine natürliche Brücke zwischen dem germanischen Norden und dem mediterranen Süden Europas bildet.“

Gegliedert ist der Band in vier getrennte, aber ineinandergreifende Abschnitte, wobei diese, entsprechend der Mehrsprachigkeit des Rechercheprojekts, bewusst in unterschiedlichen Sprachen bezeichnet sind: Industrial Design, Abitare, Freizeit und Atlas 2010-2020. Abgerundet wird das Panorama von einer Reihe thematischer und historischer Vertiefungen – etwa zu Fortunato Depero, zur Tiroler Moderne der Zwischenkriegszeit, zu Gio Pontis Sporthotel Valmartello und – eine der Überraschungen – zu den „Möbeln“ von Ezra Pound, dem aufgrund seiner antisemitischen und profaschistischen Haltung umstrittenen amerikanischen Dichter, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis von 1958 bis 1962 auf der Brunnenburg bei Meran die sechs letzten seiner „Cantos“ schrieb.

Kreativität kennt viele Wege

Statt Kulturen national abzugrenzen, bezieht der Band das gesamte grenzüberschreitende Gebiet ein, das vor 1918 in seiner Gänze als Tirol bezeichnet wurde und Ende des 20. Jahrhunderts zur Euregio (mit offizieller Vertretung in Brüssel) wurde. Und das, ohne in Nostalgie zu verfallen oder eine verlorene Heimat zu preisen. Indem legendäre Persönlichkeiten wie Gianni Caproni – Pionier der Luftfahrt, Erfinder, Industrieller und Philanthrop –, Firmen wie Abarth, Lancia Viberti Iveco, Prinoth, Laverda oder Plank ebenso vorgestellt werden wie Designer wie Dario Montagni, Wilhelm Nikolaus Prachensky oder Künstler und Architekten wie Walter Pichler und Lois Welzenbacher, entsteht ein faszinierendes Puzzle eines Gebiets, das sich durch eine überraschende Aufnahmefähigkeit der fortschrittlichsten Strömungen auszeichnet. Dass diese immer wieder auf einen fruchtbaren Boden fielen, verdankt sich nicht allein der geographischen Lage. Für Architekten, Künstler, Designer und Unternehmen war es geradezu notwendig, Anregungen, Anerkennung und Absatzmärkte auch außerhalb ihrer Heimatregion zu suchen, ohne ihre Wurzeln darüber zu vergessen.

So werden zwischen modernem Rationalismus und dem Einfluss lokaler Handwerkstraditionen die vielfältigen Pendelbewegungen einer kreativen Diaspora und ihre oft verschlungenen Wege nachgezeichnet, auf denen die meisten Protagonisten unterwegs waren, die es zur Umsetzung ihrer gestalterischen Visionen in die großen Zentren Europas gezogen hat. Auch was lokale Unternehmen angeht, zeichnet die Recherche das überraschende Bild von Marken und Herstellern, die sich gerade nicht in den Nischen des Handwerks eingerichtet, sondern sich mit stark ausgeprägter wissenschaftlich-technologischer Tendenz dem reinen Industriedesign gewidmet haben.

Kneissl, Ski White Star, Blu Star, Black Star, 1960er Jahre. Privatsammlung © Foto: Anna Maconi.

Von Wechselbeziehungen zwischen Handwerk und Kunst

In den 1920er-Jahren fand im Dialog mit der handwerklichen Tradition und der Folklore zunächst eine Auseinandersetzung mit der dekorativen oder angewandten Kunst statt. So bildeten etwa Depero, Sottsass jr und Wenter Marini bei der ersten internationalen Ausstellung für dekorative Kunst 1923 in Monza ein starkes Team. In den 1930er-Jahren kommt es dann zu einer entscheidenden Wende: Die Region, einst eine abgeschnittene Berggegend, steht plötzlich im Mittelpunkt des internationalen Tourismus. Das Abenteuer Bergsport kommt in Mode, Skifahren und Bergklettern ziehen immer mehr Besucher an. Das verändert die eigene, aber auch die Wahrnehmung von außen – und wird unter anderem von einer charismatischen Figur wie dem Grödner Luis Trenker geprägt, der den Bergsteigerhelden aus den Dolomiten in Literatur und Film populär macht.

Nach den Entbehrungen des Krieges nimmt die Produktion wieder Fahrt auf. Es gilt, den Anschluss an technologische Entwicklungen nicht zu verpassen. Neue Möglichkeiten eröffnen sich besonders im Bereich der Lebensmittelindustrie, des Tourismus und des Maschinenbaus. In den 1960er- und 1970er-Jahren schreitet die Spezialisierung voran – bei Seilbahnen (Leitner, Graffer) und in der Pistenpräparierung (Prinoth). Die Welt des Skis wird zunehmend von Kunststoffen dominiert und immer mehr Unternehmen investieren in diesem Bereich (Kneissl, Roy Ski, Sarner). Die Figur des Designers wird zudem immer beliebter und die Wohnungen füllen sich mit immer phantasievollerem Mobiliar.

Diskussion über Cocoon-Lampen, Achille Castiglioni, Pier Giacomo Castiglioni, Marcel Breuer u.a., Marlengo (1960).

Die Marke Flos wurde in der Nähe von Meran gegründet

Einzigartig ist der Fall der Mailänder Marke Flos. Während einer Reise in den 1950er-Jahren stößt Artur Eisenkeil, ein Hotelier und Unternehmer aus Marling bei Meran, auf das Kunstharzmaterial Cocoon, das auf Schiffen als Verpackungsmaterial eingesetzt wird. Eisenkeil war, was seine Hotels anging, mit dem damaligen Angebot an Leuchten unzufrieden und dachte bereits daran, selbst welche herzustellen. Fasziniert von den Eigenschaften des Kunstharzes, das wie ein Seidenfaden zu einem Kokon verdichtet werden kann, zugleich transluzent und strapazierfähig ist, begann Eisenkeil Cocoon zur Herstellung von Leuchten einzusetzen.

In der benachbarten Marlinger Obstgenossenschaft wurden erste Schirme auf Gestelle gespritzt. Als Eisenkeil 1959 seine Modelle in Mailand zeigte, lernte er Dino Gavina und Cesare Cassina kennen. Beide erkannten schnell das Potenzial, das in den Schirmen steckte, und luden die Designer Achille und Pier Giacomo Castiglioni sowie Tobia und Afra Scarpa ein, Schirme zu entwerfen. Fehlte nur noch ein Markenname. Zu diesem Zweck wurde Flos in Marling gegründet. Die in den Jahren 1960-61 entworfenen Modelle sind längst zu Designklassikern avanciert. Noch heute produziert sie die Firma Eisenkeil für Flos in Piombino Dese bei Treviso in Handarbeit. Eine historische Fotografie im Buch zeigt die Brüder Castiglioni um 1960 in Marling, wie sie Marcel Breuer, einem der Väter des Designs des 20. Jahrhunderts, ihre Cocoon-Leuchten präsentieren.

Heute mögen die geografischen Distanzen aufgrund digitaler Kommunikation und größerer Mobilität schwinden und die Grenzen zwischen den Zentren und ihren Peripherien verschwimmen. Aus dem Nachteil der vermuteten oder tatsächlichen kulturellen Abgeschiedenheit in der Provinz erwächst plötzlich ein Vorteil. Für heutige Designer ist der Weg in die großen Städte kein Weg ohne Rückfahrkarte mehr, sondern ein Prozess permanenten Austauschs, der von der Rückkehr in ruhigere Gefilde unterbrochen werden kann und bei dem sich nur schwer ausmachen lässt, wo jeweils das Nähr- und wo das Zehrgebiet liegt. Die intellektuelle Vielseitigkeit eines Martino Gamper, Meraner und Londoner zugleich, ist auf solche Pendelbewegungen zurückzuführen. Nicht von ungefähr bezeichnet es Kuno Prey als die primäre Eigenschaft der Region, „aus wenig viel zu machen“.


Design from the Alps

Hrsg. v. Claudio Larcher, Massimo Martignoni und Ursula Schnitzer
geb., 460 S., 327 farb. u. 39 SW-Abb.
Text Deutsch, Englisch und Italienisch
Verlag Scheidegger & Spiess 2019
ISBN 978-3-85881-649-8
48,00 Euro

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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