Design Research Nominierung 2021 für „Spree&Berlin“ von Jakob Kukula
„Spree&Berlin“. © Jakob Kukula

Jakob Kukula entwickelte an der Weißensee Kunsthochschule Berlin eine Boje, die mittels verschiedener Werkzeuge und Medien den Ist-Zustand eines Flusses sichtbar macht. Wir haben ihm vier Fragen zu dem Projekt „Spree&Berlin“ gestellt.

Interview: Stephan Ott und Jessica Krejci, IfDRA.

Design Research Nominierung 2021: Die Shortlist (3/3): „Spree&Berlin“ von Jakob Kukula

Jakob Kukula hat im Rahmen seiner Abschlussarbeit eine Boje entwickelt, die mittels verschiedener Werkzeuge und Medien den Ist-Zustand eines Flusses – in diesem Fall der Spree – sichtbar macht. Darüber hinaus soll die Boje in den Sommermonaten durch eine zusätzliche Sauerstoffzufuhr einen Beitrag zur Erhöhung der Wasserqualität leisten. Bei der Gestaltung geht Jakob Kukula über einen rein nutzer/innenzentrierten Ansatz hinaus und gibt mit einem holistischen und planet-centered Design dem Fluss eine Stimme. Damit zeigt der Designer, wie nachhaltige Gestaltung in Zukunft gedacht werden kann.

Modell der Boje „Spree&Berlin“
Modell der Boje „Spree&Berlin“. © Jakob Kukula

Wie bist Du auf die Idee für das Projekt gekommen?

Ausgangspunkt war für mich eine Demonstration von Extinction Rebellion am großen Stern in Berlin. Ich hatte überlegt, ob ich mit denen die Nacht für eine Autoblockade dort verbringe oder wie ich mich vielleicht auch durch das, was ich sowieso mache, einbringen kann: Design ist hier ein starkes Werkzeug. Mit meinem Spree&Berlin Projekt habe ich mich dann von einem rein Mensch-zentrierten Design zu einem Planet- oder Lebens-zentrierten Design bewegt. Die Spree, ein Ökosystem, wurde das Zentrum für meinen Entwurf. Ich komme aus Berlin und es hat mich schon erschrocken zu sehen, wie sehr man sich an die Situation mit der Spree gewöhnt hat. Man kann hier viel über die Kommunikation regeln, gleichzeitig aber auch ein konkretes Problem lösen, wie Sauerstoff im Wasser oder Wohnraum für andere Spezies bereitstellen. Denn eigentlich ist die Spree, wie eine große Autobahn und dadurch zum Beispiel für Biber oder Fische nicht wirklich nutz- und bewohnbar. Entweder man renaturiert nun großzügig, was natürlich optimal wäre, oder man setzt schon mal erste grüne Trittsteine. Als Designer haben wir die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, Narrative aufzumachen, Bilder zu zeichnen und zum Beispiel in Workshops gemeinsam mit anderen in ein Systemdenken zu kommen. Ich finde dabei schön, nicht so sehr in Produkten zu denken, sondern das Thema eher mit einem spekulativen oder diskursiven Objekt anzugehen.

Wie sieht es mit der technischen Funktion aus, funktioniert die Boje so wie Du das geplant hast?

Das ist eine Frage, die ich mir natürlich auch gestellt habe, da komme ich aber als Designer nur bis zu einem bestimmten Punkt. Deswegen habe ich das Projekt jetzt auch weiter geöffnet und mit einer Wasserbauingenieurin an der TU Berlin einen Kurs initiiert, in dem wir eine Machbarkeitsstudie durchführen und alles einmal technisch durchrechnen: Wieviel Strom brauchen wir? Wie kommt der Strom dort hin? Ist das Solarstrom? Wie viele Bojen brauchen wir, um einen bestimmten Abschnitt mit Sauerstoff zu versorgen? Funktioniert die Boje mit Sauerstoff aus der Luft oder brauchen wir extra angereicherten Sauerstoff? Das alles muss natürlich Sinn machen, und um das durchzurechnen, braucht es Ingenieurinnen und Ingenieure.

Boje „Spree&Berlin“.
Modell der Boje „Spree&Berlin“. © Jakob Kukula

Dein Projekt hat in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich an Umfang gewonnen, wie bist Du damit umgegangen?

Durch den Hochschulwettbewerb „Wissenschaft im Dialog“ wurde das Projekt vom BMBF gefördert und der Fokus lag hier auf der Kommunikation der Arbeit. In unterschiedlichen Formaten wie Ausstellungen, Interviews, Workshops und einer Summer School wurden einerseits die Themen besprochen, aber auch die Prototypen vorangebracht. Ich konnte auch andere Gestalterinnen und Gestalter beauftragen, mitzuarbeiten. Da ist dann interessant zu sehen, dass ich sogar die Grafik nochmal von einem Kommunikationsdesigner überarbeiten lasse und dann fragt man sich schon, welche Gestaltungsbereiche übernehme ich eigentlich selbst und was gibt man ab? Auf einmal wird Gestaltung ein unglaublicher Planungsprozess. Aktuell entwickle ich ein etwas größeres Funktionsmodell, eine erste Messsonde… das selbst herzustellen, lasse ich mir nicht nehmen.


„Ich finde es interessant, wie sich der Designbegriff erweitert. Die Disziplin nimmt nicht an Relevanz ab – ganz im Gegenteil – ich glaube, dass wir im Studium wirklich gute Werkzeuge an die Hand bekommen und gelernt haben auf eine besondere Art zu denken.“

— Jakob Kukula


Wie wirst Du das Projekt in Zukunft weiterentwickeln?

Ich weiß selbst noch nicht genau, wohin das Projekt am Ende führen wird. Ich habe mir keine extremen Ziele gesteckt, bin aber sehr offen und interessiert an der konstanten Weiterentwicklung und vor allem an der Vision des Projektes, eine gesunde Stadtnatur und ein lebenswertes Berlin für Tiere, Pflanzen und Menschen zu schaffen. Ich finde es durchaus interessant, wie sich der Designbegriff erweitert. In unserer heutigen Zeit nimmt diese Disziplin nicht an Relevanz ab – ganz im Gegenteil – ich glaube, dass wir im Studium wirklich gute Werkzeuge an die Hand bekommen und gelernt haben auf eine besondere Art zu denken. Da reihen sich mittlerweile ja auch viele andere ein, Stichwort „Design Thinking“. Der Designprozess – an dem man sich auch in der Uni immer wieder orientiert hat – kann auf alles mögliche angewendet werden. Das spekulative, diskursive Design, dass sich ja zwischen Kunst und Design positioniert, neue Räume aufmacht, finde ich in diesem Kontext besonders interessant. Zusammen mit meiner ehemaligen Kommilitonin Leonie Fischer habe ich daher jetzt auch das Symbiotic-Lab gegründet. Das soll unseren Projekten einen Rahmen geben, wo wir all unsere Projekte sammeln, um unterschiedliche Dienstleistungen anzubieten – von Research über Produkte, aber auch Workshops und Kommunikationsräume.

Experten-Statement: Henning Frančik

„Die Arbeit ‚Spree&Berlin beschäftigt sich auf besonders intelligente und kreative Art und Weise mit den emotional wertvollen und zugleich gefährdeten urbanen Gewässern. Dabei gelingt es gleichzeitig in einer Art technisch-sozialen Symbiose sowohl die Beziehung der Stadtmenschen zu ihrem Fluss über eine informierende App und aktivierende Flussübungen zu stärken, als auch die tatsächlich benötigte Sauerstoffzufuhr durch entsprechende Sensoren und ein integriertes Pumpsystem zu gewährleisten. Die gestalterische Beschäftigung mit dem Thema Wasserqualität finde ich ausgesprochen wichtig. Zum einen, weil Gewässer besonders intensiv und persönlich wahrnehmbare Umweltsysteme sind: Man fährt an den See baden oder lässt die Beine in den das kühle Flusswasser baumeln und merkt, dass die Materialitäten der Natur wie Sand, Wasser und Algen einen im doppelten Sinne berühren. Das ist vertrautes Terrain von Designerinnen und Designern. Zum anderen befinden sich viele Gewässer – vor allem im urbanen Raum – aufgrund ihrer hohen Nährstoffkonzentrationen und dem daraus resultierenden Sauerstoffmangel in einem kritischen ökologischen Zustand. Da sind innovative gestalterische Konzepte wie dieses wirklich gefragt.“

Henning Frančik studierte Umweltwissenschaften in Freiburg, Marburg und an der ETH Zürich. Seit Mai 2020 ist er Ko-Leiter des SustainLab an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle.

„Spree&Berlin“ App
Die „Spree&Berlin“ App. © Jakob Kukula

Die German Design Graduates

In diesem Jahr finden die German Design Graduates zum dritten Mal statt. Die nicht-kommerzielle Initiative zur Förderung des Designnachwuchses zeichnet dabei Absolvierende deutscher Designstudiengänge aus. In diesem Rahmen vergibt das beim Rat für Formgebung angesiedelte Institute for Design Research and Appliance (IfDRA) erneut seinen Preis für Designforschung. Damit möchte das Institut vor allem Einreichungen auszeichnen, die sich an der Schnittstelle von Theorie und Praxis bewegen und durch deren Kombination und Integration in den Designprozess zukunftsrelevante Resultate entstehen.

Mehr über Spree&Berlin

Zur Homepage von Designer Jakob Kukula

Mehr auf ndion

Ebenfalls auf ndion finden Sie die beiden anderen Arbeiten der Shortlist zum diesjährigen Design Research Preis des IfDRA.

Weitere Beiträge zum Thema Design und Artikel rund um Themen des IfDRA.


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