7 min read
Christopher Alexander 2012
Architekt Christopher Alexander 2012. Foto: Michaelmehaffy. Veröffentlicht von Wikimedia Commons. Lizenziert unter der Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International Lizenz.

Zwischen Strukturalismus und Postmoderne entwickelte er aus Mustern und Strukturen eine Architektursprache: Nachruf auf den mit 85 Jahren verstorbenen Architekturtheoretiker und Architekten Christopher Alexander.

Von Thomas Wagner.

Lässt sich eine so komplexe Angelegenheit wie das Planen und Bauen von Gebäuden und Städten auf bestimmte Strukturen, auf Muster und deren Verknüpfung, reduzieren? In Büchern wie „A Pattern Language“ (Eine Mustersprache, 1977) und „A Timeless Way of Building“ (1979) hat Christopher Alexander versucht, Antworten auf solche Fragen theoretisch herzuleiten.

Umstrittene Ansätze

Es ist kein Geheimnis, dass Christopher Alexanders architekturtheoretischen Ansätze in Fachkreisen umstritten waren. Manche sahen in seinen vor allem im englischen Sprachraum diskutierten Theorien den umfassendsten zeitgenössischen Denkansatz zur Weiterentwicklung des Bauens; für andere galten sie als postmodern im reaktionären Sinne. Die Diskussion über eine „postmoderne“ Architektur war, wenn man so will, im Jahr 1984 auf dem Höhepunkt, als die Zeitschrift Arch+ Alexander und seiner „Pattern Language“ eigens ein Heft widmete. Im Editorial von Nikolaus Kuhnert und Susanne Siepl heißt es dazu: „Lenkt man das Gespräch unter Architekten auf Christopher Alexander, dann sind die Verurteilungen und Beschimpfungen schnell bei der Hand. Anti-Architektur, Un-Architektur fallen da noch milde aus. Sieht man umgekehrt seine Schriften durch, unter anderem die Diskussionen zwischen ihm und Peter Eisenman in diesem Heft, dann werden diese Vorurteile noch positiv bestärkt. Es geht Alexander um nicht mehr und nicht weniger als um eine grundsätzliche Alternative zur sog. nach-modernen Architektur. Ist dieser Anspruch auch einzulösen?“

Muster von Räumen
Muster von Räumen. © Christopher Alexander, “A Pattern Language”

Strukturalismus und Postmoderne

Alexander entwickelte seine aus Mustern und Strukturen gebildete Architektursprache in Zeiten, in denen der Strukturalismus allgemein blühte und in der auch in der Linguistik über „generative Transformationsgrammatiken“ nachgedacht wurde. In beiden Fällen geht es darum zu beschreiben, wie anhand von Regeln aus einer endlichen Anzahl von Elementen eine unendliche Anzahl von Sätzen bzw. Bauten hergestellt werden kann. Für Alexander ist eine „Pattern Language“ folglich nicht nur die Kraft, Raumdispositionen zu generieren, sie ist auch „generativ wie die natürlichen Sprachen“.

Jenseits von Gegensätzen und Vorverurteilungen ging es damals vielen um eine strukturale Begründung der Architektur, auch wenn man sich nicht einig war, was genau Struktur bedeuten, auf welchen Anwendungsfeldern welche „Patterns“ verwendet, welche Stile und Vorlieben berücksichtigt werden sollten. Und nicht zuletzt, wie autonom Architektur sein und inwieweit man auf Wünsche und Bedürfnisse von Bewohnerinnen und Bewohnern eingehen sollte.

Eine Mustersprache der Architektur

Muster in der Stadtplanung
Muster in der Stadtplanung. © Christopher Alexander, “A Pattern Language”

Jedes Pattern ist ein Feld von Beziehungen. Während andere die (individuelle) Varietät betonten, stand für Alexander der Systemgedanke im Vordergrund. Eine „Pattern Language“ für ein Bauernhaus im Berner Oberland enthalte etwa folgende Elemente: „Nord-Süd-Achse, Eingang nach Westen und zum Tal, Zwei Stockwerke, Heuboden nach hinten, Schlafzimmer nach vorn, Garten nach Süden, Giebeldach als gekröpftes Walmdach, Balkon zum Garten, Geschnitzte Ornamente“. Er schlägt zahlreiche Pattern vor – von der Region über die Stadt, einzelne Viertel bis zu Gebäuden, Konstruktionen und Ausstattungsdetails – die durch eine „Language“ miteinander verbunden sind. So abstrakt das klingt, so betont Alexander doch das Entwerfen vor Ort und die Bedeutung aufgaben- und standortspezifischer Faktoren.

Alexanders Theorien wurden über den Kreis der Architektur hinaus in Bereichen wie Städtebau, Planungsmethodik, Softwareentwicklung, Interface-Design, Permakultur und Soziologie rezipiert und weiterentwickelt. Neben seiner Lehrtätigkeit in Berkeley leitete er auch das Center für Environmental Structure (CES), eine Mischung aus Architekturbüro und Bauunternehmen, in dessen Rahmen zahlreiche, eng mit der Theoriearbeit verzahnte Projekte entstanden sind.

Wie immer man Alexanders „Pattern“-Ansatz bewertet, er plädierte gegen die Individualität der Architektur der Moderne und für ein jenseits eitler Willkür entstehendes Bauen, das – auch aufgrund seiner traditionellen Elemente – selbstverständlich akzeptiert werden könne. Durch ein System aus generativen Mustern hinter die Moderne zurückzugehen, so zu bauen, „wie es immer gewesen ist“, Zeit und Ort allein durch kleine Unterschiede auszudrücken – kann das gelingen, ohne dass es als anachronistisch und rückwärtsgewandt genannt wird? In dem in Arch+ abgedruckten Streitgespräch mit Peter Eisenman sagt Alexander: „Es geht darum, ob man, wenn man ein Objekt gestaltet, möchte, dass der Nutzer dieses Objekt erfahren kann und sich in den Mittelpunkt gestellt fühlt, oder ob er sich aus dem Mittelpunkt herauskatapultiert fühlt. Bei meiner Tätigkeit als Architekt gilt die Grundregel, dass fortlaufend, zu jeder Minute und zu jeder Stunde, zu entscheiden ist, wo genau etwas zu platzieren ist, damit es eine größtmögliche Harmonie mit der sich fortentwickelnden Struktur erreichen kann.“ Christopher Alexander ist am 17. März 2022 nach langer Krankheit in Binsted, Sussex, gestorben.

Der Werdegang von Christopher Wolfgang

Geboren wurde Christopher Wolfgang John Alexander am 4. Oktober 1936 in Wien. Aufgewachsen ist er in England, in Oxford und Chichester. Er studierte Mathematik und Architektur in Cambridge und wurde an der Harvard University in Architektur promoviert. Für seine Dissertation, die später unter dem Titel „Notes on the Synthesis of Form“ veröffentlicht wurde, erhielt er die erste Goldmedaille für Forschung vom American Institute of Architects. Schon hier erörterte Alexander als Mathematiker die Zerlegung eines komplexen Problems, einer Designaufgabe, in Einzelprobleme und begründete, dass mit der Lösung der Einzelprobleme das Gesamtproblem gelöst sei. 1963 wurde Alexander an die University of California in Berkeley berufen, wo er das Institut für Stadt- und Raumplanung (Center for Environmental Structure [CES]) gründete. 1980 wurde zum Mitglied der Schwedischen Königlichen Akademie ernannt, 1996 in die amerikanische Akademie der Künste und Wissenschaften aufgenommen. Zudem war er einer der Treuhänder von Prinz Charles für das Wales’s Institute of Architecture. Im Jahr 2009 erhielt Alexander den Vincent Scully Preis.


Mehr über Christopher Alexander und „A Pattern Language“

PatternLanguage.com

Ein Exzerpt aus dem Buch

Mehr zu Ausgabe 73 der ARCH+

Cover "A Pattern Language"
Cover von „A Pattern Language“
© patternlanguage.com

A Pattern Language

Towns, Buildings, Construction

Von Christopher Alexander, Sara Ishikawa, Murray Silverstein
mit Ingrid King, Shlomo Angel and Max Jacobsen

Oxford University Press, 1977.

1141 Seiten.

patternlanguage.com


Mehr auf ndion

Weitere Artikel zum Thema Architektur.


Diese Seite auf Social Media teilen:

Print Friendly, PDF & Email