Die Sprache der Räume: Wie man den Blick fängt und lenkt
Nam June Paik, Electronic Superhighway: Continental U.S., Alaska, Hawaii, Smithsonian American Art Museum, 1995

Von Wunderkammern, Vitrinen und Displays: Erika Thümmel hat mit „Die Sprache der Räume“ eine reich bebilderte Einführung in die Geschichte inszenierter Räume und Präsentationsstrategien geschrieben. Ein Überblick für Praktiker/innen und solche, die es werden wollen.

Von Thomas Wagner.

„Der belgische Autor und Sammler Samuel Quiccheberg“, so liest man in Erika Thümmels Buch „Die Sprache der Räume“, „veröffentlichte in seinem Traktat ‚Inscriptiones vel Tituli Theatri Amplissimi‘ (1565) einen Einrichtungsplan, eine sogenannte Methodologie des Theatrum sapientiae, für die Münchner Kunstkammer. Er gilt als ein Begründer der Museologie und seine Systematik wurde für viele Kunstkabinette verbindlich und findet sich noch heute in den Typen moderner Museen wieder.“ Nicht nur Kunst, auch Weisheit und Wissen, so scheint es, bedürfen, um wirken zu können, einer besonderen Bühne, auf der sie erfolgreich und methodisch gesichert auftreten können.

Als verschiedenste Museen in erster Linie sprechende Gegenstände aus der Vergangenheit versammelt haben, avancierte die fürstliche Kunst- und Wunderkammer – als eine Art Protomuseum und Vorläufer heutiger Sammlungen – zum Vorbild und Exempel allen musealen Sammelns und Präsentierens. Schließlich lauten die Aufgaben die das Museum charakterisierenden nach wie vor: Sammeln, Bewahren, Erforschen, Zeigen und Vermitteln.

Hinzu kommt: Vieles in unserer von allgegenwärtigen Screens, permanent zirkulierenden Bildern und Narrativen geprägten Medienwelt ist bewusst daraufhin konzipiert, wahrgenommen zu werden. Zugespitzt könnte man im Sinne der Logik des Medienkonsums sagen: Was nicht so präsentiert wird, dass es Aufmerksamkeit erregt, existiert nicht.

Zeitreise durch die Geschichte der Präsentationsstrategien

Erika Thümmel – Künstlerin, Restauratorin und Ausstellungsgestalterin – greift bei ihrer Zeitreise durch die Geschichte der Präsentationsstrategien auf Beobachtungen, Erkenntnisse, Beispiele und Bilder zurück, die sie in 15 Jahren Lehrtätigkeit im Bereich Informationsdesign an der Grazer FH Joanneum und beim Aufbau des Masterstudiengangs Ausstellungsdesign zusammengetragen hat. Ihr erklärtes Ziel ist es, „Studierende und Interessierte in den faszinierenden Bereich der Szenografie einzuführen und den Blick auf gestalterische Fragen zu schärfen“.

S. 186–187
„Die Sprache der Räume“ S. 186–187 © 2021 Birkhäuser Verlag GmbH, Basel (zum Vergrößern anklicken)

Von inszenierten Grabbeigaben bis zum Science Center

Der Bogen ist der Vorgabe zufolge nicht nur historisch, sondern auch systematisch weit gespannt. Er reicht von der Beschreibung inszenierter Grabbeigaben über weltliche und geistliche Schatzkammern, Kunst- und Wunderkammern, Apotheken, Studioli, Museen jeglicher Couleur, Gärten und Weltausstellungen bis zum heutigen Science Center. Da Sammeln und Ausstellen eng mit dem szenografischen Handwerk verbunden sind, zeichnet die Autorin auf den ersten rund 180 Seiten die Geschichte ganz unterschiedlicher Präsentationsformate nach. Das reicht bis hin zur „Ausstellungsgestaltung der Moderne“ und den politisch und propagandistisch in Dienst genommenen Ausstellungsformen im Faschismus sowie dem Museumsboom nach 1945. Bei alledem bleibt die Auswahl der vorgestellten Beispiele, wie die Autorin mit Bedauern feststellt, „eine notgedrungen subjektive und beschränkt sich mit wenigen Ausnahmen auf Mitteleuropa“.

In knappen Darstellungen finden Karl Friedrich Schinkel, Leo von Klenze und Wilhelm von Bode ebenso Berücksichtigung wie die „Szenografie im Ausstellungswesen“ bei Bernhard Rudofsky (Sparta statt Sybaris), Uwe Brückner („form follows content“) und Ausstellungsmachern wie Harald Szeemann und Gae Aulenti. Das Kapitel „Künstler/innen als Gestalter“ reicht von Peter Greenaway bis zu Olafur Eliasson, das zu „Digitaler Szenografie“ von Nam June Paik bis zu ART+COM und Checkpointmedia. Kurz angetippt werden auch Dieter Rams‘ „Zehn Thesen für gutes Design“. Zudem sind zwischen die summarisch-knappen Darstellungen an verschiedenen Stellen farblich hervorgehobene Exkurse eingeschoben, die Themen wie „Die Erfindung der Vitrine“, „barrierefreie Gestaltung“ und andere praxisorientierte Fragestellungen behandeln. Ergänzt wird das Panorama von einem von A wie Ablass bis zu V wie Vanitas reichenden Glossar.

S. 218–219
„Die Sprache der Räume“ S. 218–219 © 2021 Birkhäuser Verlag GmbH, Basel (zum Vergrößern anklicken)

Summarisch-objektivierende Darstellung

Jedes Kapitel von „Die Sprache der Räume“ ist in kurze Abschnitte eingeteilt, in denen hauptsächlich Fakten versammelt sind. Bei der enormen Stofffülle können die meisten Positionen ohnehin nur angetippt werden. So gerät die Sache recht positivistisch und objektivierend; Interpretation, Diskussion und Problematisierung kommen zu kurz. Begriffe werden weder hinterfragt noch historisch-kritisch eingeordnet (Nationalmuseen lassen sich sowenig neutral betrachten wie die neuesten Spielarten immersiver Ausstellungskonzepte). Während sich die Geschichte des Inszenierens gleichsam von selbst zu entwickeln scheint, versäumt es Thümmel, einen kritischen Begriff des Zeigens und des Inszenierens zu entwickeln.

Auch irritiert, dass die „Erfindung der (Ausstellungs-)szenografie“ und die Verwendung des Begriffs „Szenografie“ jenseits des Bühnenraums von Theater, Film und Performance, um das Jahr 2000 ansetzt wird. Es mag sein, dass spezialisierte Szenografen seitdem verstärkt – besonders bei der Neukonzeption von Museen und deren Sammlungspräsentation, also bei einem zeitgeistigen „Facelift fürs Museum“ – hinzugezogen oder gar federführend tätig werden. Die Sache selbst ist, was das Buch ja ausführlich ausbreitet, wesentlich älter und vielgestaltiger. So bleibt vieles vage und verschwimmt in summarischen Darstellungen. Kurz: Man vermisst präzise Hinweise darauf, warum und wie etwas gezeigt, verborgen, hervorgehoben wurde, welche historischen Umbrüche welche Veränderungen des Zeigens und Präsentieren nach sich gezogen, vorbereitet oder reflektiert haben.

Lenkung oder Manipulation des Blicks?

So fallen dem Wunsch, ein Gesamtpanorama zu zeichnen, wichtige Fragen zum Opfer: Wohin führt das Nebeneinander – oder die Konkurrenz – von Künstler/innen, Kurator/innen, Grafiker/innen, Ausstellungsarchitekt/innen und Mediengestalter/innen? Welches Interesse wird dabei verfolgt, Szenograf/innen Regie führen zu lassen? Und spricht der Siegeszug der Szenografie im 21. Jahrhundert für einen Triumpf der Inszenierung über das inszenierte Material? Wenn Thümmel (im Vorgriff auf ihre Auswahl exemplarischer Ausstellungsgestalter/innen) feststellt, die „Fragestellung der Szenografie“ sei: „Wie wird der Blick der Betrachter/innen auf einen bestimmten Punkt hin verführt, wie erzeugt man Spannung?“, dann blendet der pädagogische Eifer die Kehrseite der Medaille leichtfertig aus. Zur Dialektik der szenografischen Inszenierung gehört nicht nur, (in bester Absicht) zur Wahrnehmung, zu einem Erlebnis oder bestenfalls zu Einsicht oder Erkenntnis zu verführen. Inszenierungen, zumal wo sie auf Emotionen setzen und eine Überwältigung der Sinne betreiben, dienen auch der bevormundenden Lenkung, wenn nicht Manipulation des Blicks.


Die Sprache der Räume

Cover „Die Sprache der Räume“
„Die Sprache der Räume“ © 2021 Birkhäuser Verlag GmbH, Basel

Die Sprache der Räume. Eine Geschichte der Szenografie

Erika Thümmel

FH Joanneum (Hrsg.)
Birkhäuser Verlag, Basel 2021

259 S., geb., 173 s/w und 551 farbige Abb.
ISBN 978-3-0356-2271-3

39,95 Euro

birkhauser.com


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