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Mit der Transformation zur Circular Economy steht uns ein notwendiger Paradigmenwechsel bevor, der allerdings nur gelingt, wenn alle mitmachen – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Design spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Von Martina Metzner.

Durch die Corona-Krise wird deutlich: Wenn er will, dann kann der Mensch. Dies sollten wir mit Blick auf die planetaren Grenzen, an die wir gerade stoßen, ebenso beherzigen. Um Klima, Ressourcen und Biodiversität zu schützen, müssen wir jetzt handeln. Gleichzeitig wird es unsere Aufgabe sein, die wirtschaftliche Wertschöpfung vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Design ist ein wichtiger Changemaker in diesem komplexen Unterfangen, denn 80 Prozent der Umwelteinwirkung eines Produktes wird im Design festgelegt. Und es kann Neues vermitteln und attraktiv machen. Genau deswegen wendet sich die EU mit der Initiative New European Bauhaus an Gestalterinnen und Gestalter. Sie tragen eine große Verantwortung, der sie sich angesichts der vielen aktuellen Diskurse langsam, aber stetig bewusst werden.

Linear ist eine Sackgasse

Holz ist ein wichtiger Baustein für die auf die Circular Economy. Systemspielzeug Lokke von Philipp Enzmann
Systemspielzeug Lokke von Philipp Enzmann. Bild: Philipp Enzmann, Bauhaus Universität Weimar

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Transformation zu einer Circular Economy. Sie ist nicht nur ein wesentlicher Baustein der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, sondern mittlerweile erklärtes Ziel der Europäischen Union im Rahmen des EU Green Deal. Und zwar nicht mehr nur mit Blick auf die Abfallwirtschaft wie Kreislaufwirtschaft in den Jahrzehnten zuvor verstanden wurde. Sondern ganzheitlich entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um Stoffe ständig in zirkulären Strömen zu halten. Denn das lineare Modell eines Take-Make-Dispose-Wertschöpfungssystem, in dem wertvolle Primärrohstoffe gewonnen und verarbeitet werden, um dann schließlich auf dem Müll zu landen, führt in eine Sackgasse. In vielerlei Hinsicht. Diese Verschwendung können wir uns nicht mehr leisten. In Deutschland stehen wir besonders in der Pflicht, liegt der Bedarf aktuell pro Kopf an Rohstoffen bei 22,8 Tonnen im Jahr, was dem doppelten Wert der Weltbevölkerung entspricht, Tendenz steigend. Wenn die gesamte Weltbevölkerung Ressourcen auf dem gleichen Niveau konsumieren würde wie Deutschland, bräuchten wir drei Erden. Und im Moment wirtschaftet die Welt nur zu 8,6 Prozent zirkulär.

Klima- und Ressourcenschutz zusammendenken

Durch eine Circular Economy wäre in Deutschland bis zum Jahr 2050 eine Ressourceneinsparung von 68 Prozent gegenüber 2018 möglich – und zwar durch verbesserte Effizienz-Technologien, längere Produktlebenszyklen und einen höheren Einsatz von Sekundärrohstoffen. Aber nicht nur das. Die Gewinnung und Förderung von Primärrohstoffen sind auch für 50 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Weiterhin verursacht sie 90 Prozent des Biodiversitäts-Verlustes und des Wasserstresses. Das zeigt, dass wir Klimaschutz viel stärker mit Ressourcen- und Biodiversitätsschutz zusammendenken und behandeln müssen.

Vergleichbar mit der Energiewende

Der Wandel zu einer Kreislaufwirtschaft kann nur gelingen, wenn alle mitmachen – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Und er muss so schnell wie möglich kommen. Dem Rat für Nachhaltigkeit zufolge, der die Bundesregierung berät und sich aus 15 Expertinnen und Experten zusammensetzt, wird der Strukturwandel zu einer Circular Economy ähnliche Ausmaße umfassen wie die Energiewende. Neben politischen Rahmenbedingungen durch neue Gesetze und Förderungen ist auch die Wirtschaft und nicht zuletzt die gesamte Gesellschaft gefordert, einen neuen Umgang mit Ressourcen zu etablieren. Dies geht auch einher mit neuen Lebens- und Konsumweisen, kurzum es braucht eine kulturelle Wende. Wir haben schon so viel produziert – weshalb nutzen wir dies nicht? Für eine Circular Society ist es selbstverständlich, dass sie Altes erhält und Dinge teilt, anstatt sie zu besitzen.

Circular Economy zum Anfassen: RePack aus Dänemark kann man einfach wieder zurücksenden
RePack aus Dänemark hat eine Verpackung entwickelt, die man einfach wieder zurücksenden kann. Bild: Repack

New Work und Rohstoffunabhängigkeit

Mit der Circular Economy ist aber nicht nur die Weltrettung, sondern sind auch viele Chancen auf Wohlstand verbunden. Durch die Transformation zu einer Circular Economy können wir neue Arbeitsplätze schaffen, die etwa zur Erhaltung und Reparatur von Produkten dienen. Die Europäische Union erwartet allein durch die Umsetzung ihres Circular Economy Actionplan eine um 80 Milliarden Euro höhere Wertschöpfung. Außerdem kann die Abhängigkeit von Rohstoffimporten durch regionale Stoffkreisläufe gemindert werden, was schon jetzt wichtiger wird, wie wir in den vergangenen Monaten sehen können, in denen Rohstoffknappheit auftritt und die globalen Lieferketten teilweise zusammenbrechen. Dabei blickt man insbesondere auf die seltenen Erden, die zunehmend für die neuen Umwelttechnologien gebraucht werden, etwa Lithium, Kobalt, Nickel oder Platin. Auch wenn das alles vielversprechend klingt, wird es wahrscheinlich auch Verlierer geben, so wie die Friedrich-Ebert-Stiftung in ihrer Untersuchung konstatiert, die das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie durchgeführt hat. Und zwar vor allem jene, die den Zug verpassen.

Circulose bietet Baumwolle aus recylten Kleidungsstücken
Circulose bietet Baumwolle aus recylten Kleidungsstücken wie Jeans an. Bild: Alexander Donka für Renewcell

Neue Zusammenarbeit im Netzwerk

Der sozial-ökologische Umbau zu diesem neuen Wirtschaftsmodell wird auf verschiedenen Ebenen ansetzen und ineinanderwirken. Das erfordert interdisziplinäre Netzwerke, neue Kollaborationen und damit einher eine gewisse Offenheit und Flexibilität gehen – nicht nur lokal, national oder auf europäischer Ebene – sondern optimalerweise global. Digitale Technologien sind der Treiber in dieser neuen Circular Economy, um Transparenz, aber auch Praxistransfer herzustellen. Etwa, um Materialien mittels Produktpässen oder dem Internet of Things nachverfolgbar zu machen.

Design für ein langes Produktleben

Möbel-Studienprojekt „Omnia“
Beim Möbel-Studienprojekt „Omnia“ sind alle Konfigurationen reversibel. Bild: Martin Fenske, Universät der Künste Berlin

Für Unternehmen ist dies eine besondere Herausforderung, der sie sich ganzheitlich stellen müssen. Es reicht einfach nicht, ein Produkt X nun auch in einem Recyclingmaterial anzubieten. Das ist nicht zu Ende gedacht – und keineswegs rund. Kreislaufwirtschaft muss systemisch angegangen werden. Es braucht neue Geschäftsmodelle, in deren Rahmen man Produkte wieder zurücknimmt oder nicht mehr verkauft, sondern sie nur verleiht. Es braucht eine engere Beziehung zu den Kundinnen und Kunden, und damit einhergehend eine neue Kommunikation. Es braucht neue Designansätze, die den gesamten Produktlebenszyklus in den Blick nehmen, um Produkte langlebiger zu machen, indem man sie besser reparieren oder recyceln kann. Es braucht eine andere Zusammenarbeit mit Zulieferern und Partnern, die nicht mehr linear und hierarchisch, sondern parallel, vernetzt und auf Augenhöhe erfolgt. Und es braucht natürlich auch eine Sicherheit durch Standards, ökonomische Anreize und klare Rahmenbedingungen seitens der Politik, die Kreislaufwirtschaft fördern, etwa im Rahmen der öffentlichen Beschaffung, durch Erhebung von Recylingquoten und Rezyklatanteilen oder Steuervorteilen für zirkuläre Produkte. Infrastrukturen wie Rücknahme- und Pfandsysteme, Materiallager oder Recylinghöfe sollten teilweise öffentlich unterstützt oder zur Verfügung gestellt werden. Und letztlich sollten regionale globalen Stoffkreisläufen vorgezogen werden, um Energien zu sparen, aber auch um Unabhängigkeit zu sichern.

Zirkulär nicht gleich zirkulär

Wichtig ist dabei, dass wir uns der gesamten Wertschöpfungskette annehmen, und uns nicht nur auf den Abfall konzentrieren. Recycling (chemisch oder mechanisch) ist die uneffektivste aller Zirkulations-Methoden, da sie mit relativ hohem Energieaufwand verbunden ist. Effektiver ist das Wiederverwenden oder -aufarbeiten von Produkten oder Bauteilen (etwa durch modularen, flexiblen Aufbau, wodurch etwa eine Update-Fähigkeit gewährleistet werden kann). Und noch viel zu wenig diskutieren wir über das Vermeiden – also das „Reduce“ der drei „Rs“ der Circular Economy – von Primärrohstoffen. Das bietet auch wirtschaftliches Potenzial, etwa durch Geschäftsmodelle wie der Sharing Economy oder Product-as-a-Service.

Dennoch muss man sich mit Recycling intensiver auseinandersetzen, vor allem, weil es bis heute vor allem ein Downcyling der Materialien ist. Zum Erhalt der Materialqualität müssen Produkte anders gestaltet und Technologien verbessert werden. Auch Verbundmaterial kann so gestaltet werden, dass man es später sortenrein auseinandernehmen kann. Ein weiteres Problem, das aus einer erhöhten Kreislaufführung erwächst, ist das „Abschieben“ des Abfallproblems in den globalen Süden, was unbedingt ein Ende haben muss.

Nicht zuletzt müssen wir uns mehr mit Naturmaterialien beschäftigen, denn sie sind nachwachsend, können zum Teil, wie Holz etwa, CO2 speichern und in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden. Jedoch ist auch hier einiges kritisch zu betrachten, wenn „biologisch abbaubare“ oder „biobasierte“ Stoffe etwa nur unter bestimmten Bedingungen kompostierbar sind oder zu vermehrtem Konsum anregen (Rebound-Effekt). Dass zirkulär nicht gleich zirkulär ist, könnten etwa einheitliche, noch zu entwickelnde offizielle Messtechniken und Umweltzeichen veranschaulichen. Hier ist die Forschung gefragt.

Mit „regrowth” untersucht Simon Gehring die Kombination ganzer Äste mit Computational Design
Computational Design trifft das Naturmaterial Holz

Mit dem Projekt „regrowth” untersucht Simon Gehring die Verwendung von ganzer Äste in Kombination mit Computational Design. Bilder: Simon Gehring

Circularity made with Germany

Die EU hat im EU Green Deal und dem Circular Economy Action Plan die Ziele relativ klar umrissen und bringt einiges für die verschiedenen Branchen, aber auch sektorenübergreifend auf den Weg; in den nächsten Jahren werden weitere Richtlinien und Verordnungen folgen. So etwa die Legislative zum Verbot von Einwegverpackungen aus Kunststoff, das „Recht auf Reparatur“ oder auch eine neue „Sustainable Products Initiative“ zur Überarbeitung der Ökodesign-Richtlinie, die auf eine Produktlebenszyklus-Betrachtung abzielt. Wichtig ist nun, dass die europäischen Staaten dies auch schnell adaptieren und in eigene Strategien übersetzen. Die Circular Economy Initiative mit ihrer Circular Economy Road Map und auch der Rat für Nachhaltigkeit für Deutschland empfehlen, dies im Rahmen einer eigenen, umfassenden Strategie politisch zu verankern und Plattformen für den Wissens- und Praxistransfer einzurichten. Gleichzeitig müssen sich Wirtschaft und Gesellschaft auch auf den Weg machen. Die Idee: Deutschland könnte, ähnlich wie im Maschinenbau, zu den weltweiten Vorreitern einer Circular Economy gehören. Warum warten wir also noch?


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