Nachgefragt: Im Gespräch mit Lena Schrum und Kim N. Fischer von aware
Nachgefragt: Im Gespräch mit Lena Schrum und Kim N. Fischer von aware

Damit die Welt nicht nur nachhaltiger, sondern auch schöner gestaltet wird, geht die Plattform „Aware“ neue Wege. Die beiden Gründerinnen Kim Fischer und Lena Schrum erklären, weshalb Verbote kontraproduktiv sind und es mehr Spaß macht, auf verändertes Bewusstsein, Information und Bildung zu setzen.

Interview: Thomas Wagner.

Nachgefragt: Im Gespräch mit Lena Schrum und Kim N. Fischer von aware_

Aware – bewusst, wissend, aufmerksam – schon der Name Ihrer Plattform verweist auf ihren Anspruch. Bewusstsein, bewusste Wahrnehmung, Aufmerksamkeit – alles große Begriffe. Sie setzen auf bewusste Veränderungen oder auf Veränderungen durch mehr Bewusstsein – sind Sie Idealistinnen?

Lena Schrum: (lacht) Absolut richtig, wir wollen ein Bewusstsein für einen nachhaltigen Lebensstil, für nachhaltige Geschäftsmodelle und nachhaltige Entscheidungen schaffen. Das macht uns aber nicht zu Idealistinnen. Wir haben Aware gestartet, weil wir etwas verändern wollten, weil wir mit unseren Mitteln, mit unseren Expertisen dazu beitragen wollen, die Klimakrise zu bewältigen. Und für uns ist Bewusstsein der erste Schritt zur Veränderung.

Wie kam der Name „Aware“ zu Stande?

Kim Fischer: Ich fand es schwierig, wenn gesagt wurde, alles, was zum Thema Nachhaltigkeit passiert, muss mit dem Wort „Green“ verbunden werden. Green, Green, Green, Green – Green Economy, Green Tech und so weiter. Das fand ich problematisch, weil es ja um viel mehr geht als um das Thema „Green“. Es geht tatsächlich um Awareness. In dieser Situation saß ich mit Freunden zusammen – mit Architekten, mit kreativen Menschen –, und die meinten: Hey, eigentlich geht es ja um das Thema Achtsamkeit generell, das ist ein viel größeres Wort. Und so kamen wir auf „Aware“.

Auf welche Weise, denken Sie, können Sie das Bewusstsein der Menschen verändern – hin zu mehr Nachhaltigkeit und Achtsamkeit?

Kim Fischer: Meines Erachtens steht und fällt alles mit Aufklärung und Bildung. Und Transparenz natürlich. Man muss den Leuten eine Plattform geben, auf der sie sich informieren können. Und man muss ihnen eine Guidance geben, wie sie diese Ziele erreichen können. Für mich einer der wichtigsten Punkte ist: Wie kann man das Thema Nachhaltigkeit auch nachhaltig gestalten. Und das steht und fällt damit, was man darüber weiß und wie man sein Wissen anwenden kann.

Lena Schrum: Veränderungen sollten nicht immer nur diese Schwere haben. Es sollte eher in einer positiven, lebensbejahenden Art über solche Dinge informiert und nicht immer nur betonen werden, wie schwierig und wie schwerwiegend die Situation ist, in der wir uns befinden.

Weniger Dystopie, mehr Utopie? Nach dem Motto: Wir schaffen es, durch mehr Bewusstsein Dinge zu verändern?

Lena Schrum: Richtig.

Kim Fischer: Vor allem mit etwas Positivem und mit einer gewissen Leichtigkeit. Das Thema Nachhaltigkeit wird ja viel zu oft mit Verboten verwechselt: du darfst nicht, du sollst nicht – so ist das Thema immer ein bisschen negativ behaftet. Wir probieren – das sieht man auch an unserem ästhetischen Ansatz – das Ganze aufzulockern und zu sagen: Es macht Spaß, nachhaltig leben zu können. Wir fangen mit kleinen Schritten an. Doch wenn jeder jeden Tag einige kleine Schritte geht, dann ist das ein Riesending. Das bedeutet „Impact generieren“. Das ist auch eine Art von „Movement“.

Sie wollen, liest man auf ihrer Website, Innovationen beschleunigen. Dabei sprechen Sie von Fortschritt als wichtigstem Maßstab. Was bedeutet für Sie Fortschritt in Zeiten von Klimakrise und Umweltzerstörung?

Lena Schrum: Nachhaltigkeit wandelt sich. Vom individuellen Lifestyle gehen wir über zum kollektiven Bewusstsein. Und dieser frische Zeitgeist bedingt neue Marktlogiken, bedingt neue Kundenbedürfnisse und disruptiert bestehende Geschäftsmodelle. Das geht nicht von heute auf morgen, ist aber eine globale Transformation. Und am Ende des Tages können wir uns gerade nichts Spannenderes vorstellen, als an diesem gesellschaftlichen Wandel mitwirken und eine globale Identität mitgestalten zu dürfen.

Kim Fischer: Es ist, wie Lena gesagt hat, total wichtig, Bewusstsein zu erzeugen, ein Mindset zu shiften, den Wandel zu schaffen.

Wo bewegt sich im Moment am meisten in die Richtung, die Sie propagieren?

Kim Fischer: Auf Unternehmerseite oder auf Seite der Endverbraucher?

Aware-Gründerinnen Lena Schrum und Kim N. Fischer
Aware-Gründerinnen Lena Schrum (l.) und Kim N. Fischer (r.). © aware THE PLATFORM GmbH

Auf beiden Seiten.

Kim Fischer: Auf der unternehmerischen Seite gibt es Firmen, die müssen sich so oder so verändern. Die Mobilitätsbranche beispielsweise muss nachhaltig werden, sie hat gar keine andere Chance. Dabei fällt auf, dass der Mittelstand sehr, sehr viel vorantreibt, auch, weil das Management oft an die nächsten Generationen weitergegeben wird – und die jüngeren Leute ein ganz anderes Mindset und weniger Angst vor Veränderungen haben. Im mittleren Management hört man noch des Öfteren: Es hat doch immer gut funktioniert, wie es früher war; das Thema Nachhaltigkeit, ach, das ist eh bald wieder weg.

Tatsächlich?

Kim Fischer: Ja, immer noch. Ich finde, das moderne Management treibt sehr vieles voran – und das ist vor allem im Mittelstand zu beobachten, und in den Branchen, die müssen. Und da wissen Sie ja, über welche Branchen von Automobil bis Pharma wir da sprechen.

Ist der Mittelstand flexibler und veränderungsbereiter?

Kim Fischer: Ganz sicher, auch von der Struktur her.

Lena Schrum: Gerade bei Familienunternehmen stehen solche Werte beim Generationenwechsel im Fokus. Da merkt man schon sehr, dass alle etwas verändern wollen.

Wandelt sich auch ein auf Konsum basierender Lebensstil?

Lena Schrum: Momentan passiert da schon super, super viel. Vor drei, vier Jahren, als es noch keine Amazons oder Googles der Nachhaltigkeit gab, war es noch ein bisschen schwieriger, nachhaltige Alternativen zu finden – auch solche, bei denen man seine Ansprüche an die Ästhetik nicht hintanstellen muss. Heute gibt es Angebote in Hülle und Fülle und man kann seinen Lebensstil nachhaltig gestalten. Das wird weiter zunehmen.

Von Nachhaltigkeit ist inzwischen überall die Rede. Wie geben Sie dem Begriff ein klareres Profil?

Lena Schrum: Nachhaltigkeit sollte man generell ganzheitlich betrachten. Wir haben die soziale Perspektive, wir haben die ökonomische Perspektive und die ökologische Perspektive. Alles das versuchen wir, in unserem Aware-Portfolio abzudecken, sei es durch die Themen, die wir bespielen, sei es durch die Individuen oder Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten. Man muss versuchen, möglichst alle mitzunehmen. Nur gemeinschaftlich kriegen wir die große Klimakrise gelöst.

Kim Fischer: Wir haben dazu auch die Aware-Academy. Sie sorgt dafür, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeit geschult werden, dass sie ihr Leben nachhaltig gestalten können. Je mehr Unternehmen die Academy bei uns buchen, desto mehr Menschen werden geschult und desto mehr Impact kann man generieren.


„Nachhaltigkeit sollte man generell ganzheitlich betrachten. Wir haben die soziale Perspektive, wir haben die ökonomische Perspektive und die ökologische Perspektive.“

— Lena Schrum


Wie muss man sich das konkret vorstellen? Was lernt man an der Academy?

Kim Fischer: Wenn Sie zum Beispiel auf eine IAA gehen, dann finden sich dort hauptsächlich Leute, die etwas zum Thema Mobilität zu sagen haben, vielleicht noch etwas über Smart-City-Themen. Es ist aber wichtig, dass sich verschiedene Branchen, die nicht von selbst zusammenkommen, zum Thema Nachhaltigkeit austauschen. Es gibt einige, die sind schon weiter, und andere, die sind noch nicht so weit – beide können sich über ihre Erfahrungen austauchen. Dieser Knowledge-Transfer, dieses Miteinander und dieses Sparring sind extrem wichtig. Wo gibt es das, dass sich ein Unternehmen wie Bayer mit Architekten wie Graft trifft, oder Henkel mit Würth? Wir sorgen dafür, dass sich genau diese Player bei uns treffen.

Spielt Konkurrenz zwischen den Unternehmen dabei keine Rolle?

Kim Fischer: Die finden das großartig, weil sie sagen: Wir können hier mal Synergien austauschen. Wir finden das toll, dass wir uns hier einfach mal so treffen können. Früher haben die sich ein bisschen gebattlet – und heutzutage ist es ein Miteinander. Die Unternehmen wissen natürlich auch, dass wir alle an einem Strang ziehen müssen, um Impact generieren zu können.

Neben Nachhaltigkeit setzen Sie auch auf Ästhetik. Worum geht es Ihnen, wenn sie von Ästhetik reden? Um Wahrnehmung, Schönheit, guten Geschmack?

Kim Fischer: Ästhetik ist auf jeden Fall ein Differenzierungsmerkmal. Das ist Lena und mir aufgefallen. Es gibt sehr vieles, das diesen Ökostempel trägt. Und dieses Alternative, dieses Extreme, dieses mit dem Finger auf Menschen zeigen – das ist ja nicht positiv behaftet. Deshalb wollten wir eine Plattform aufbauen, die wir auch selbst mögen – logischerweise. Wenn man Nachhaltigkeit salonfähig machen möchte, ist es wichtig, dass es auch schön aussieht. Es soll Spaß machen, auf der Website zu sein und sich anzuschauen, dass Nachhaltigkeit Teil eines positiven Wegs ist. Ästhetik ist natürlich super schwer zu beschreiben und extrem individuell.

Lena Schrum: Ist sehr subjektiv. (lacht)


„Wenn man Nachhaltigkeit salonfähig machen möchte, ist es wichtig, dass es auch schön aussieht. Es soll Spaß machen, auf der Website zu sein und sich anzuschauen, dass Nachhaltigkeit Teil eines positiven Wegs ist.“

— Kim Fischer


Helfen Sie Unternehmen dabei, dass nachhaltige Produkte ästhetisch ansprechender gestaltet werden?

Kim Fischer: Genau dabei helfen wir.

Und wie gelingt es Ihnen, ein Bewusstsein für guten Geschmack zu schaffen?

Lena Schrum: Ich glaube, bei Ästhetik oder Schönheit ist es auch dieses Gefühl, was wir damit vermitteln wollen. Wie schafft man es, schwere und wichtige Inhalte so zu verpacken, dass man Freude daran hat, das zu konsumieren, dass man Freude daran hat, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Auch, dass man das Gefühl hat, Teil dieser Bewegung sein zu wollen. Ich glaube, es ist eher ein Gefühl, was wir damit triggern wollen.

Dem Design wurde immer wieder vorgeworfen, es kümmere sich nur um die schöne Form, vernachlässige aber soziale und politische Aspekte. Wie wollen Sie diesen Gegensatz auflösen? Reicht es, wenn Nachhaltigkeit Spaß machen soll?

Lena Schrum: Dadurch, dass wir visuell so stark sind, öffnen sich viele Türen. Das bestätigt das Feedback der Unternehmen, die sagen, endlich mal jemand, der verstanden hat, unseren Content auf eine schöne Art und Weise visuell umzusetzen. Bisher wurde das Thema Nachhaltigkeit oft von Verbänden und der Politik angesprochen, wobei es meines Erachtens an Leichtigkeit und an visueller Qualität mangelte. Es reicht sicher nicht, etwas schön zu verpacken, auch der Inhalt muss stimmen. Die Brücke zwischen beidem finde ich vor allem in der Designbranche und der Ästhetikbranche. Wir haben so viele Partner aus Design und Architektur in unserer Community, die ästhetisch und inhaltlich in Bezug auf Nachhaltigkeit sehr stark sind und es hinbekommen, Gestaltung nicht in Richtung alternative Ecke zu schieben.

Man merkt, Sie sind optimistisch, dass die Leute, die sie zusammenbringen, so aufeinander einwirken, dass Produkte nachhaltig und schön werden.

Kim Fischer: Das wäre natürlich Best Case.

Welche Diskussionen gibt es, wenn Sie mit Unternehmen über Ästhetik reden?

Kim Fischer: Natürlich geht es auch um das Thema Marge. Klar, schöne Dinge kosten hier und da. (lacht) Ich glaube aber, vielen Unternehmen geht es erst einmal darum, wo sie das Thema Nachhaltigkeit überhaupt ansiedeln: Wer ist dafür zuständig? Wie sieht die Strategie aus? Wie können die Ziele schnellstmöglich erreicht, wie Produkte nachhaltig gemacht werden? Alles, was die Wertschöpfungskette betrifft. Das Thema Ästhetik ist natürlich toll, um die Zielgruppen zu erreichen, aber meines Erachtens sind viele noch gar nicht so weit.

Lena Schrum: Unser erstes Ziel ist es tatsächlich, Unternehmen und Individuen eine Guidance auf ihrem Weg in die Nachhaltigkeit zu geben. Wir sind noch nicht so weit, dass wir sagen, wir bieten ihnen eine Guidance auf ihrem Weg in die Ästhetik.

Ist Ihr Ansatz nicht gerade deshalb außergewöhnlich, weil er Ethik und Ästhetik verbindet? Ist das Schöne auch das Gute?

Kim Fischer: Viele können das meines Erachtens noch nicht. Die sind noch nicht weit genug. Klar, die Automobilbranche macht das schon sehr gut, denken Sie etwa an den neuen BMW iX. Hier verbinden sich Nachhaltigkeit und Schönheit.

Wird eine Welt, die nachhaltiger bewirtschaftet wird, tatsächlich schöner sein?

Kim Fischer: Ich glaube, das wollen alle. Es geht weniger um das Ob und mehr um das Wie. Und da kommt wiederum unsere Plattform ins Spiel, wo wir sagen: Schaut euch mal Studio Faust an. Oder: Schaut euch mal Goodpatch an, wo es um Planet-Centric Design geht. Vieles steht und fällt auch hier mit dem Netzwerk. Viele wollen sich verändern, wissen aber nicht wie.

Sie haben zu Beginn unseres Gesprächs von der Stärkung des kollektiven Bewusstseins gesprochen. Heißt das, Nachhaltigkeit ist für Sie ein anderes Wort für Stärkung des Gemeinsinns?

Kim Fischer: Sie stellen wirklich gute Fragen. (lacht)

Sorry. (lacht)

Lena Schrum: Nachhaltigkeit ist unsere Zukunft. Das muss man, glaube ich, deutlich sagen. Und dazu gehört, dass wir den kollektiven Geist wecken, dass wir alle gemeinschaftlich an dieser Herausforderung arbeiten. Ob das jetzt Gemeinsinn ist, ob das Kollektivismus ist, am Ende des Tages heißt das nur: Lasst uns alle zusammen anpacken, weil wir die letzte Generation sind, die es machen kann.

Kim Fischer: In dieser Hinsicht sind wir natürlich auch Benchmark, weil wir Nachhaltigkeit und Ästhetik vereinen – und das finden viele toll.


Über aware

Die Klimakrise ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Wir werden sie nur gemeinsam lösen können. Das Start-up aware_ The Platform hat sich zum Ziel gesetzt, ein Operationssystem aufzubauen, das Organisationen und Einzelpersonen hilft, bessere und bewusstere Entscheidungen zu treffen.

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Der German Design Award

Wegweisende Gestaltung, exzellente Projekte und Produkte, junge Talente und das Who is Who der Designbranche – der German Design Award zeichnet herausragende Gestaltungsleistungen aus. 2022 wurden einige herausragende Projekte in der Kategorie Ecodesign gekürt:

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Prints. © Kar Porselen
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ecosoftfibre. © eco-softfibre GmbH & Co. KG

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