Die Brüder Carsten und Samuel Waldeck gründeten 2014 gemeinsam die SHIFT GmbH. Mit der nachhaltigen m-Serie des Shiftphone stellte das Startup 2016 das modularste Smartphone der Welt vor. Das Hauptziel von SHIFT: Sinn und Werte zu maximieren – nicht Gewinn. Wir trafen sie zum Gespräch.

Interview Martin Krautter. Redaktion: Ulla Weismüller.

Carsten und Samuel Waldeck, Designer des Shiftphone
Carsten und Samuel Waldeck, Designer des Shiftphone. © 2014-2021. SHIFT GmbH

Wenn man sich mit Unternehmen beschäftigt, kommen einem manchmal Bilder in den Sinn… In Bezug auf SHIFT war es bei mir David gegen Goliath. Ist das zutreffend?

Carsten Waldeck: Goliath wurde durch einen Schuss zwischen die Augen getötet und das haben wir jetzt nicht unbedingt vor mit großen Unternehmen… Wir wollen sie auch nicht zerstören. Wir sehen uns eher als Inspiration oder als Menschen, die positiv leben und positive Geschichten erzählen, die andere inspirieren können.

Deswegen wäre es bei uns eher die Geschichte von Nathan dem Weisen: Der kam, als David ein großer mächtiger König war, zu ihm und hat ihm eine Geschichte erzählt. Damit wurden David die Augen geöffnet, sodass er selber erkannt hat „Ach, das bin ja ich, das ist ja meine Geschichte“, woraufhin er sich selbst und viele Dinge verändert hat.

Sie sind Designer als Gründer. Machen Designer/innen etwas anders als Ingenieur/innen oder Wirtschaftswissenschaftler/innen beim Gründen?

Samuel Waldeck: Ja, auf jeden Fall. Uns ist es wichtig, vom Produkt her zu denken. Wir wollen Produkte nicht so optimieren, dass sie uns möglichst viele Gewinne einspielen oder sie mit Features versehen, die Leute dazu anregen, das Produkt unbedingt kaufen zu wollen und haben zu müssen. Sondern wir wollen ein Produkt bauen, das langlebig ist, lange genutzt werden kann und ein langfristiges Design hat. Wir haben dabei eben eher die Kundin, den Kunden und den Anwender, die Anwenderin direkt im Blick statt Vertriebswege oder die betriebswirtschaftlichen Zahlen.

Carsten Waldeck: Zahlen braucht man, um zu schauen, dass das Unternehmen einigermaßen gut dasteht, damit man alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut bezahlen kann und dass es auch langfristig, also nachhaltig existiert. Bei uns liegt der Fokus nicht auf der Optimierung von Zahlen oder Gewinnen, sondern hauptsächlich darauf, dass wir richtig gute Alternativen schaffen.

Das SHIFT6mq
Das SHIFT6mq. © 2014-2021. SHIFT GmbH

Wie sieht das Kommunikationsdesign, das UX-Design bei Shift aus? Wie setzen Sie das ästhetisch um?

Carsten Waldeck: Ein wichtiger Aspekt ist minimalistisches oder sehr reduziertes Design. Das merkt man an den Geräten, an der Hardware. Wenn man unser erstes Gerät und ein ganz neues Gerät anschaut, sehen sie schon sehr gleich aus. Wir führen Dinge weiter und verändern sie nicht stark.

Die Reduktion des Designs finden wir auch für die Nachhaltigkeit wichtig, denn es gibt so viele Design-Trends. Unser Design war vor sieben Jahren schon so gewählt, dass es wirklich sehr langlebig ist und es auch heute Menschen immer noch schön finden. Reduzierung oder Minimalismus halten wir für einen wichtigen Weg im Bereich Nachhaltigkeit, um Langlebigkeit auszudrücken.

Samuel Waldeck: Was unsere Geräte und das Design sehr besonders macht, ist der ganzheitliche Ansatz. Wir selbst leben Nachhaltigkeit und wollen auch unser Leben immer weiter in Punkto Nachhaltigkeit optimieren. Wir lassen das Design so weit gehen, dass man das Gerät reparieren kann. Wir denken, es ist ein Designfehler, wenn Geräte nicht reparierbar sind.


„Wir denken, es ist ein Designfehler, wenn Geräte nicht reparierbar sind.“

— Samuel Waldeck


Carsten Waldeck: Langlebigkeit und Reparierbarkeit sind ganz wichtige Gestaltungsfaktoren und wenn diese nicht beachtet werden, ist es ein großes Problem, was man an den Tonnen von Elektroschrott sieht, die produziert werden.

Der Einfluss auf die Software ist ja nur bedingt, richtig? Denn das Betriebssystem kommt letztlich von jemand anderen.

Carsten Waldeck: Wir machen es auch hier einfacher und reduzieren auch beim Betriebssystem. Wir achten darauf, dass die Dinge möglichst ausgewogen und schön sind und auch grafisch gut funktionieren. Wir bauen eigentlich die Geräte, die wir uns selbst wünschen. Das ist ja das Schöne da dran. Dadurch bekommen sie natürlich auch eine hohe Qualität, weil wir selbst auch recht hohe Ansprüche haben. Das ist ein schöner Nebeneffekt.

Verfolgen Sie in der Markenkommunikation auch andere Wege als andere?

Samuel Waldeck: Es war von Anfang an so, dass wir die Kundinnen und Kunden oder die Zusammenarbeit mit ihnen ziemlich stark im Fokus hatten. Wir sind ja Crowdfunding-basiert. Das heißt, die Zusammenarbeit mit unseren potenziellen Kundinnen und Kunden wurde dem Unternehmen mit in die Wiege gelegt.

Der modulare Aufbau des Shiftphones am Beispiel des SHIFT13mi
Der modulare Aufbau des Shiftphones am Beispiel des SHIFT13mi. © 2014-2021. SHIFT GmbH

Das ist auch ein bisschen Co-Creation…

Samuel Waldeck: Genau, das ist etwas, was wir auch nach wie vor so leben wollen. Das heißt, wir haben noch nie Werbekampagnen gefahren oder haben Werbepartner, sondern wir arbeiten immer direkt mit unseren Kundinnen und Kunden zusammen. Der Hauptkanal, über den wir wachsen, sind Empfehlungen von Kundinnen und Kunden. Das ist sehr nachhaltig, weil eine Kund/innenempfehlung einen ganz anderen Wert hat als eine Werbung, die ich sehe. Das ist auch ehrlicher, weil ein potenzieller Kunde oder eine Kundin das Feedback von jemanden bekommt, der schon User ist. Und das hat oft ein ganz anderes Gewicht.


„Der Hauptkanal, über den wir wachsen, sind Empfehlungen von Kundinnen und Kunden.“

— Samuel Waldeck


Carsten Waldeck: Wir mögen Manipulation nicht so gerne; wir lieben Freiheit und wenn Menschen bewusst in Freiheit Entscheidungen treffen können. Das gehört für uns zur Wertschätzung dazu. Und wenn wir wertschätzend mit der Kundin, dem Kunden umgehen wollen, dann wollen wir nie von oben herab ihm was überstülpen und auch nicht unseren Brand manipulativ in sein Unterbewusstsein drücken. Sondern wir wollen, dass dieser Mensch sich komplett frei, ohne manipulativen Druck entscheiden kann, was ihm wichtig ist und was er will.

Findet das hauptsächlich auf einer digitalen Ebene statt?

Samuel Waldeck: Sowohl, als auch. Wir werden oft von Kundinnen und Kunden gefragt: Dürfen wir mal vorbeikommen, dürfen wir uns das mal anschauen? Wir finden es gut, Geschichten zu hören, die Kundinnen und Kunden mit unsere Shiftphones erlebt haben und was sie beschäftigt, was wir verbessern können, aber auch was sie gut finden.

Carsten Waldeck: Man kann direkt mit uns reden und wir haben festgestellt, dass es viel Veränderung bringt, wenn Menschen merken, dass wir sie ernst nehmen. Auf einmal kommt man auf ganz andere Lösungen und es gehen Türen auf. Manchmal fragen wir auch einfach „Was würde denn dir helfen, wie die Situation am besten gelöst wäre?“, zum Beispiel bei einem Refund.

Das Geld, das wir zur Verfügung haben, das nehmen wir uns ja sowieso nicht raus. Es gibt bei uns keine Gewinnausschüttungen. Das meiste geht in Gehälter von Menschen, die wir fair bezahlen wollen. Alles, was übrigbleibt, wird gespendet oder in Projekte gesteckt, die Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit wahren.

Das heißt, wenn wir einer Kundin oder einem Kunden das Geld zurücküberweisen, tun wir da vielleicht auch was Gutes.

Samuel Waldeck: Wir möchten unsere Kundinnen und Kunden miteinander vernetzen, um ein Netzwerk zu schaffen, das eine positive Veränderung bringt. Und wir haben auch überlegt, wie wir kleinere Händlerinnen und Händler fördern können, damit in Innenstädten gekauft wird und nicht nur noch bei großen Ketten oder im Internet. Also haben wir ein Netzwerk gegründet, in dem wir alle zusammenbringen und Shiftphones sichtbar machen für potenzielle Kunden.

Sie haben eine klare Linie, wie Sie auch als Unternehmer handeln wollen. Als Nebenprodukt fällt dabei die „Uniqueness“ ab. Man kann sich eigentlich keinen größeren Gegensatz zu Ihren Hauptwettbewerbern vorstellen.

Carsten Waldeck: Genau. Wir haben eine komplette technologische Plattform aufgebaut, mit der wir Menschen miteinander verbinden. Deswegen können alle, die ein Shiftphone besitzen, zu einem Shifter oder einer Shifterin werden.

Man kann sich mit den Leuten verabreden und sich das Shiftphone mal zeigen lassen?

Carsten Waldeck: Ganz genau, man bekommt es von einer Userin oder einem User erklärt, der es im echten Leben benutzt hat und mir dann auch ehrliche Meinungen dazu sagen kann. Es sind Mensch-zu-Mensch-Begegnungen und es steckt auch kein Schneeballsystem dahinter.

Man kauft nachher online bei uns, weil wir ja auch den Direktkontakt zur Kundin, zum Kunden haben wollen, und man braucht auch keine Lagerhaltung, das macht es total einfach. Es ist nicht nur ein Crowdselling-Netzwerk, sondern es ist auch ein Crowd-Service-Netzwerk. Wir können darüber Reparaturen organisieren, Rückgaben von Dingen, dann muss man nicht jeder einzeln schicken, sondern es gibt Sammelstellen.

Das SHIFT-Tablop SHIFT13mi
Das SHIFT-Tablop SHIFT13mi. © 2014-2021. SHIFT GmbH

In Frankreich gibt es seit diesem Jahr ein Reparatur-Indexmodell, bei dem auf Produkten verschiedene Kriterien markiert sind – lässt sich gut reparieren, lässt sich schlecht reparieren. Wäre so etwas in Deutschland oder in ganz Europa wünschenswert?

Samuel Waldeck: Ja, wir denken, das macht viel Sinn, das umzusetzen. Wir sind auch in dem beratenden Gremium für die Politik dabei. Wir sind der einzige Hersteller, der so ein Geräte-Refund-System hat. Hersteller wissen, was verbaut ist, sie können die Geräte viel besser dann zu einem effizienten Recycling zuführen oder eben auch Komponenten weiter nutzen, was ja sogar viel besser wäre, als sie direkt zu recyceln. Aber da müssten Hersteller auch einfach die Verantwortung übernehmen. Wenn man zentrale Sammelstellen hätte, würde es ein Fundsystem gar keinen Sinn machen, weil wir dann nicht mehr an unsere Geräte kommen.

Carsten Waldeck: Das Schlimmste, was einem Shiftphone passieren kann, ist, dass es weggeworfen wird. Das Zweitschlimmste ist, dass es in eine Sammelbox kommt, weil es dann nicht mehr zurückgeführt werden kann.


„Das Schlimmste, was einem Shiftphone passieren kann, ist, dass es weggeworfen wird.“

— Carsten Waldeck


Was ist wirklich ein großer Hebel für jede/n Einzelne/n, wenn es um Nachhaltigkeit und Umweltschutz geht?

Samuel Waldeck: Es ist uns ein großes Anliegen, immer wieder zu überlegen und zu überdenken, wie können wir als Unternehmen, aber auch als Privatmenschen Wertschätzung leben. Und da kann sich jeder persönlich auch immer wieder hinterfragen.

Ich finde es schwierig, Verbote auszusprechen. Aber ich glaube, man sollte beginnen zu überlegen, ob man die Dinge wirklich wertschätzt, die man konsumiert.

Also, ist es vielmehr eine Haltungsänderung, von der sich dann vieles ableitet und aus der man automatisch vielleicht auch bessere Entscheidungen trifft.

Carsten Waldeck: Die Grundfrage ist doch, was mich eigentlich wirklich glücklich im Herzen macht? Und das sind nicht oft die Dinge, die mit Macht und Geld zu tun haben oder mit Konsum oder Produkt.

Ich nehme mir lieber Zeit für Menschen, für Beziehungen und fühle mich eigentlich viel glücklicher, viel erfüllter, als wenn ich irgendein Ding habe, was kaputt geht und oder mich Leute nur wertschätzen, weil ich Besitz habe.

Und wenn ich den irgendwann nicht mehr habe, ich meine, was ist dann? Wir nehmen ja nichts hier mit. Was bleibt dann von uns? Wie viel Geld mal auf dem Konto war oder was für Dinge in meiner Garage standen, ich glaube, das ist total irrelevant.

Wir danken für das Interview!


Mehr über SHIFT und das Shiftphone

Shift Logo
© 2014-2021. SHIFT GmbH

Die SHIFT GmbH ist ein kleines Familienunternehmen mit Sitz im nordhessischen Falkenberg,ca. 30 km südlich von Kassel. Mit der Gründung im Jahre 2014, durch den Designer und Erfinder Carsten Waldeck, seinen Bruder Samuel Waldeck und Vater Rolf Waldeck, hat das Unternehmen die Marke SHIFTPHONES am Markt etabliert, unter der seitdem verschiedene modulare Smartphone-Modellserien erschienen sind. Geräte der Marke SHIFTPHONES sind, dank einer modularen Architektur, leicht zu öffnen und einfach sowie kostengünstig zu reparieren. Die Endmontage in der eigenen SHIFT-Manufaktur, das Gerätepfand, faire Upgrade-Optionen und viele weitere Kriterien unterstreichen die Kernmotivation des Unternehmens: Ehrliche Wertschätzung im Umgang mit Mensch und Natur.

Website von Shift

Der Shift Blog


Deutscher Marken- und Designkongress „Change – new horizons“

Carsten und Samuel Waldeck werden als Speaker am Deutschen Marken- und Designkongress teilnehmen.

Unter dem Motto „Change – new horizons“ finden sich am 11. November Expertinnen, Experten und Verantwortliche aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft auf dem interdisziplinären Deutschen Marken- und Designkongress 2021 im Stuttgarter Porsche Museum zusammen. Dabei geht es um die wirkungsvolle Umsetzung von Branding- und Designkonzepten und wie diese positiv zum Thema Nachhaltigkeit beitragen können. Moderatorin Dr. Ines Marbach führt durch ein spannendes Programm mit Vorträgen u. a. von BioNTech, Ecosia, Shift und Siemens Mobility.

Anmeldeschluss ist der 5. November 2021 Neben der Teilnahme vor Ort kann die Veranstaltung auch virtuell über Live-Stream besucht werden.


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