Er hat Technik, Kunst und Design verbunden und sich in Deutschland als Pionier der digitalen Gestaltung profiliert: Nachruf auf Joachim Sauter, Mitgründer von ART + COM und Professor an der Berliner Universität der Künste.

Von Thomas Wagner.

Portrait Joachim Sauter
Portrait Professor Joachim Sauter. Foto: Nela König

Viele der Grundlagen der heute alle Lebensbereiche verändernden Digitalisierung und des aktuellen Medienkonsums wurden in den 1970er-Jahren gelegt. Das gilt nicht nur für technische, sondern auch für ästhetische und künstlerische Aspekte und betrifft sämtliche gesellschaftlichen und kulturellen Prozesse. Nicht zufällig zitieren Joachim Sauter und Andreas Wiek im Vorwort ihrer Bestandsaufnahme der Projekte von ART + COM den Visionär und Informatiker Alan Kay mit dem Satz: „Look, the best way to predict the future is to invent it“ – Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu erfinden. Schlägt man die Seite um, liest man: „Um aber die Zukunft zu erfinden, braucht es mehr als nur ein paar gute Ideen. Es braucht Menschen, die die Bereitschaft auf sich nehmen, Risiken einzugehen, unbekannte Wege zu gehen und das Entdeckte mit anderen zu teilen.“ Mit guten Ideen unbekannte Wege gehen und andere daran teilhaben lassen, dem galt auch Joachim Sauters Leidenschaft.

Nach dem Abschluss an der Berliner Hochschule für Bildende Künste (der heutigen UdK) hat Sauter, Jahrgang 1959, an der Deutschen Hochschule für Film und Fernsehen Berlin weiterstudiert. Seit Mitte der 1980er-Jahre arbeitete er als Medienkünstler und Designer, der sich damit beschäftigte, wie (oft erst rudimentär entwickelte) digitale Technologien genutzt werden können, um Inhalte, Formen und Narrationen einen eigenen Ausdruck zu verleihen. Inspiriert von Friedrich Kittlers kritscher Medienarchäologie und getrieben vom Wunsch, technologische und künstlerische Prozesse nicht getrennt oder als Gegensätze zu betrachten, sondern sie zu etwas Neuem zu verschmelzen, gründete Sauter 1988 gemeinsam mit Künstlern, Gestaltern, Wissenschaftlern und IT-Spezialisten aus dem Umfeld der UdK Berlin und der Berliner Sektion des Chaos Computer Clubs ART + COM als Verein zur Erforschung des Computers als Medium zur Kommunikation. Schnell wurden die kreativen Mediengestaltenden zu Vorreitern; heute ist ART+COM Studios international für Auftraggeber aus der Wirtschaft, Kultur und Forschung tätig.

ZERSEHER
ZERSEHER, 1992. © Joachim Sauter

Lag der Forschungsschwerpunkt anfänglich im Bereich der Virtual Reality und des Interfacedesign, so propagierten Arbeiten wie der „Zerseher“, 1992 auf der Ars Electronica präsentiert, den Computer schon bald als neues künstlerisches Medium und untersuchten die Möglichkeit zur Interaktion als eine seiner herausragenden Eigenschaften. Als Head of Design der ART+COM Studios hat Joachim Sauter mit seinem interdisziplinären Team auch zahlreiche Installationen für Museen wie das Jüdische Museum in Berlin, das Berliner Museum für Naturkunde und das Belvedere in Wien geschaffen. Und er hat neue Technologien zur Vermittlung komplexer Themen eingesetzt und deren Potenzial für räumliche Kommunikation und Kunst erforscht.

Sauter wurde zur Teilnahme an vielen Ausstellungen in renommierten Institutionen eingeladen, ob ins Pariser Centre Pompidou oder das Amsterdamer Stedelijk Museum, zur Biennale Venedig oder ins Getty Center Los Angeles, um nur einige zu nennen. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, u. a. den Goldenen Löwen Cannes, den Ars Electronica Interactive Award, den British Academy for Film and Television Interactive Award. 2010 wurde er für seine kinetische Skulptur aus dem BMW-Museum München mit dem vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Rat für Formgebung verliehenen Designpreis der Bundesrepublik Deutschland in der Kategorie Kommunikationsdesign ausgezeichnet. Diese visualisiert mittels 714 einzeln aufgehängter und angesteuerter Metallkugeln den schöpferischen Prozess in der Automobilentwicklung.

Seit 1991 forschte und lehrte Sauter als Professor für Neue Medienkunst und Design an der Berliner Universität der Künste, seit 2001 auch als Adjunct Professor an der UCLA in Los Angeles. Am 10. Juli ist Joachim Sauter nach schwerer Krankheit gestorben.

Composing The Lines, 2002
Composing The Lines, 2002. © Joachim Sauter
Kinetic Sculpture BMW
Kinetic Sculpture BMW, 2008. © Joachim Sauter

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